„US-Fußball ist nicht bereit für die große Bühne“: So reagieren die Amerikaner auf das bittere WM-Aus der US-Nationalmannschaft

von Abid Rahman | Nach der deutlichen Niederlage gegen Belgien übten prominente Stimmen aus der US-Sportwelt scharfe Kritik an der Leistung der Gastgeber.

„Weine nicht, weil es vorbei ist. Lächle, weil es passiert ist … oder? Oder?“

Nach einer deutlichen Niederlage gegen Belgien sind die WM-Träume der USA bereits im Achtelfinale geplatzt. Nach einer Reihe ermutigender Leistungen in der Gruppenphase – insbesondere dem überzeugenden 4:1-Sieg gegen Paraguay – bestand die Hoffnung, dass die US-amerikanische Nationalmannschaft erstmals das Viertelfinale erreichen würde. Doch beim ersten Aufeinandertreffen mit einem echten Topgegner in diesem Turnier verwandelte sich die Euphorie in einen Albtraum. Für das US-Team und seine Fans – ob langjährige Anhänger oder neue Fußballbegeisterte – war die Enttäuschung entsprechend groß.

Zunächst einmal gilt: Gegen Belgien zu verlieren, ist keine Schande. Die Belgier belegen derzeit Platz acht der FIFA-Weltrangliste, die USA Rang 16. Auch beim Kaderwert liegt Belgien vorne: Laut Transfermarkt wird der 26 Spieler umfassende Kader auf 626,18 Millionen US-Dollar geschätzt, der US-Kader auf 441,07 Millionen. Hinzu kommen Stars wie Thibaut Courtois, Leandro Trossard, Jérémy Doku und Kevin De Bruyne, die bereits die größten Titel des Vereinsfußballs – darunter die Champions League und die Premier League – gewonnen haben. Der US-Star Christian Pulisic gehört dagegen, offen gesagt, laut der jüngsten Rangliste des Guardian nicht einmal zu den 100 besten Fußballern der Welt. Belgien stellt gleich drei Spieler in den Top 100.

Unter dem Strich war Belgien also der klare Favorit auf den Einzug ins Viertelfinale gegen Spanien. Und das noch bevor man die zusätzliche Motivation berücksichtigt, die Trossard und seine Teamkollegen nach der – offen gesagt – unerquicklich verlaufenen Florin-Balogun-Affäre (Danke, Mr. President!) mitgebracht haben dürften.

Trotzdem schmerzt diese Niederlage. Nach dem großen Hype, dem Heimvorteil und der Unterstützung von Millionen Fans traf die Realität die US-Anhänger mit voller Wucht. Viele zeigten sich schockiert darüber, wie schwach ihre Mannschaft auftrat. Die Stimmung kippte innerhalb von 90 Minuten – plus Nachspielzeit – von grenzenlosem Optimismus zu tiefer Ernüchterung.

Beim US-Sender Fox übte Carli Lloyd – zweimalige Weltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin – besonders scharfe, aber auch ehrliche Kritik am US-Team und vor allem an Christian Pulisic.

„Nach dieser Niederlage ist die Stimmung natürlich gedrückt. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie das Spiel schon verloren hatten, bevor sie überhaupt den Platz betreten haben. Ich weiß nicht warum und kenne die Gründe nicht, aber vom Anpfiff an wirkten sie nur damit beschäftigt hinterherzulaufen – zögerlich, ängstlich und ohne Selbstvertrauen am Ball. Gerade in solchen Momenten erwartet man von den großen Spielern, dass sie Verantwortung übernehmen.“

Über Pulisic sagte Lloyd weiter:

„Ich muss ehrlich sagen: Ich war ein wenig enttäuscht von Christian Pulisic. Ob er nun der Star dieser Mannschaft sein möchte oder nicht – wir haben in diesem Spiel und eigentlich während der gesamten Weltmeisterschaft einfach nicht genug von ihm gesehen.“

Auch Fox-Experte Alexi Lalas hielt sich mit Kritik nicht zurück.

„Ein Teil von mir sagt, dass die Zeit der moralischen Siege vorbei ist. Wir haben heute etwas liegen lassen, und das ist für mich enttäuschend. Ich weiß auch, dass die Spieler und Mauricio Pochettino enttäuscht sein werden, wenn sie sich dieses Spiel noch einmal ansehen. Einige der Gegentore waren gegen eine bessere Mannschaft selbst verschuldet. Dabei hat dieses US-Team in der Vergangenheit schon stärkere Gegner geschlagen.“

Lalas ergänzte, die Mannschaft sei „mit einem Wimmern statt mit einem Knall“ aus dem Turnier ausgeschieden.

Die Art und Weise der Niederlage und der scheinbar abrupt geplatzte Optimismus der amerikanischen Fußballfans bereiten offenbar auch Fox Sorgen. Zumindest appellierten die Kommentatoren mehrfach an die Zuschauer, dem Fußball trotz des Ausscheidens der Gastgeber treu zu bleiben.

„Wenn Ihnen gefallen hat, was Sie gesehen haben, dann unterstützen Sie Ihren lokalen Verein. Das muss nicht das letzte Fußballspiel sein, das Sie in den nächsten vier Jahren verfolgen. Fußball ist ein wunderschöner Sport“, sagte Fox-Kommentator John Strong.

Auch Barstool-Gründer Dave Portnoy, der als Tottenham-Fan Niederlagen und enttäuschte Erwartungen gewohnt sein dürfte, fand deutliche Worte.

„Der US-Fußball ist noch nicht bereit für die große Bühne. Ich will nicht gemein sein, aber diese Mannschaft ist peinlich. Solange bei uns nur Sportler der dritten Kategorie Fußball spielen, werden wir in diesem Sport nie wirklich gut sein. Was für eine Clownshow.“

Bill Simmons, ebenfalls Anhänger von Tottenham Hotspur, zeigte sich in seinem live auf Netflix übertragenen Podcast ähnlich pessimistisch.

„Eine Erzählung werde ich nicht akzeptieren: dass wir gewonnen hätten, wenn Trump Balogun nicht zurückgeholt hätte. Wir waren einfach schlecht. Das hatte damit überhaupt nichts zu tun. Das war unsere mit Abstand schlechteste Leistung bei dieser Weltmeisterschaft. Ich habe viele Spiele gesehen – und in den vergangenen K.-o.-Runden hat keine Mannschaft so schlecht gespielt wie wir.“

Im Anschluss an das frühe WM-Aus überschlugen sich die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Die Spannweite reichte von Fassungslosigkeit bis hin zu vernichtender Kritik an Mannschaft und Trainerteam.

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