Olivia Jones über ihr ZDF-Biopic „Becoming Olivia“: Zwischen Mut, Ausgrenzung und Selbstfindung

In dem ZDF-Biopic Becoming Olivia blickt Jones auf einen Weg zurück, der von Mut, Ausgrenzung, Selbstfindung und dem unbedingten Wunsch geprägt war, einfach sie selbst sein zu dürfen.

Mit ihrer unverwechselbaren Art ist Olivia Jones längst weit mehr als Deutschlands bekannteste Drag Queen. Unternehmerin, TV-Persönlichkeit, Aktivistin und Stimme für Toleranz und Vielfalt – seit Jahrzehnten prägt sie die deutsche Unterhaltungslandschaft ebenso wie gesellschaftliche Debatten. Nun wird ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte verfilmt: In dem ZDF-Biopic Becoming Olivia blickt Jones auf einen Weg zurück, der von Mut, Ausgrenzung, Selbstfindung und dem unbedingten Wunsch geprägt war, einfach sie selbst sein zu dürfen. Wir haben mit ihr über den Film, ihre persönliche Reise und die Botschaft gesprochen, die sie Menschen mitgeben möchte

„Becoming Olivia“. Was bedeutet dieser Prozess für dich heute – war es eher eine Entscheidung oder ein Weg, der sich Schritt für Schritt ergeben hat?

Ich bin meinem Herzen gefolgt, anders hätte ich nicht glücklich werden können. Aber die Entscheidung, Travestie zu machen, habe ich schon in jungen Jahren sehr bewusst getroffen.

Nach harten, entbehrungsreichen Jahren auf der Reeperbahn hat Oliver Knöbel als Olivia Jones (Johannes Hegemann) endlich den Durchbruch geschafft. | FOTO: ZDF und Bjørn Haneld

Du sprichst davon, dass dein Weg vor über 40 Jahren mit Ausgrenzung und Angst verbunden war. Was hat dir damals die Kraft gegeben, trotzdem weiterzugehen und wie wichtig es ist, seinem Herzen zu folgen – gab es einen Moment, in dem du selbst gezweifelt hast, ob du diesen Weg weitergehen kannst?

Es gab natürlich Momente des Zweifelns. Zum Beispiel, wenn mir wieder der Strom abgestellt wurde oder ich wieder mal meinen Vermieter vertrösten musste. Aber nie, wenn ich Gegenwind hatte. Ich habe Shitstorms immer als Rückenwind genutzt, weil mir jede Anfeindung immer gezeigt hat, dass es ist richtig und wichtig ist, was ich tue. Mir war immer klar, dass es der einzige Weg ist und meine Berufung auch mein Beruf. Olivia ist ein Teil von Oliver.

Dragqueen Lulu Duvall (Victor Schefé, l.) und Oliver Knöbel (Johannes Hegemann, r.) sind zunächst Rivalen, doch dann Schicksalsgenossen. | Foto: ZDF und Thomas Leidig.

Der Film endet nicht nur als persönliche Geschichte, sondern auch als gesellschaftliches Statement. Was wünschst du dir, dass Menschen nach dem Anschauen wirklich mitnehmen?

Der Film soll Mut machen, seinem Herzen zu folgen, aber auch Eltern von queeren Kindern oder Kindern die anders sind, zeigen, wie wichtig es ist, zu seinem Kind zu stehen. Auch wenn man mit dem Lebensentwurf nicht immer ganz einverstanden ist. Aber ich wollte auch zeigen, unter welchem Druck auch Eltern oft stehen. Und mir ist noch wichtig, zu sagen, dass es uns wirklich gibt. Mich und die Olivia Jones Familiy. Das ist bei uns auf St. Pauli in meinen Bars und Theatern wirklich wie im Film. Eine Art Ersatzfamilie und mein Paradiesvogelnest.

Ein zentraler Punkt im Film ist auch die Rolle deiner Mutter. Wie hat sich dein Blick auf sie und ihre Situation im Laufe der Jahre verändert?

Ich habe verstanden, unter welchem gesellschaftlichen und familiären Druck meine Mutter stand. Jung, alleinerziehend, Vater abgehauen, Nachbarn, die sie für mein Anderssein verantwortlich gemacht und ausgegrenzt haben. Vor über 40 Jahren galten Menschen wie ich wirklich für die meisten als Abschaum und Schwulsein galt als Erziehungsfehler. Meine Mutter hat sich natürlich auch große Sorgen um mich gemacht, dass ich vereinsame und nie von meiner Berufung Leben kann. Das habe ich damals natürlich nicht sehen können, weil ich mit meinem Coming Out und den Anfeindungen zu kämpfen hatte. Der Film soll also auch zeigen, wie wichtig es ist, immer auch die andere Seite zu sehen. Und er zeigt, dass es im Leben wichtig ist, irgendwann auch verzeihen zu können, um seinen Frieden zu finden.

Auf dem Kiez in St. Pauli findet Oliver Knöbel (Johannes Hegemann, r.) endlich das, wonach er immer gesucht hat: eine Familie. Zur „Olivia-Jones-Familie“ gehören neben anderen Marius Körbel (Daniel Zillmann, l.), Lilo Wanders (Stephan Kampwirth, 2.v.l.) und Lulu Duvall (Victor Schefé, 2.v.r.). | Foto: ZDF und Thomas Leidig/ Florida Film.
Und ganz persönlich: Was bedeutet Freiheit für dich heute?
So leben zu können, wie ich möchte, offen sagen zu können, was mir wichtig ist und nicht mehr jeden Euro umdrehen zu müssen. Ich weiß auch, was Armut ist und deshalb heute zu schätzen, dass ich mich als Moderatorin und mit unseren Kult Kieztouren, Bars und Theatern so gut etabliert habe.

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