Women in Entertainment – Mascha Schilinski

Im Gespräch mit The Hollywood Reporter Germany spricht die mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete Regisseurin und Autorin über Intuition im Filmemachen, die Bedeutung künstlerischer Vision und darüber, warum Gleichwertigkeit in der Filmbranche längst selbstverständlich sein sollte.

Mit ihrer unverwechselbaren filmischen Handschrift zählt Mascha Schilinski zu den spannendsten Stimmen des deutschen Autorenkinos. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine außergewöhnliche Bildsprache, atmosphärische Dichte und eine fast poetische Präzision in der Beobachtung menschlicher Emotionen aus. In ihrem aktuellen Film In die Sonne schauen widmet sich die Regisseurin erneut jenen unsichtbaren Zwischenräumen des Menschlichen, die sich oft jeder klaren Sprache entziehen. Im Gespräch mit The Hollywood Reporter Germany spricht die mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete Regisseurin und Autorin über Intuition im Filmemachen, die Bedeutung künstlerischer Vision und darüber, warum Gleichwertigkeit in der Filmbranche längst selbstverständlich sein sollte.

Deine Arbeiten sind oft sehr atmosphärisch und fein beobachtet. Wie entwickelst du deine visuelle und erzählerische Sprache?

Von innen heraus. Immer aus dem Inneren. Es beginnt zunächst mit einer großen Wühlarbeit – dem Versuch, ganz präzise und wahrhaftig eine filmische Übersetzung für Dinge zu finden, für die es eigentlich keine Worte gibt. Für Dinge, die unsichtbar sind. Mich interessieren vor allem Aspekte, die aus dem Benennbaren der Welt herauskippen, die wir aber alle spüren, sobald wir einen Raum betreten.

Viele deiner Geschichten wirken sehr persönlich. Wie viel von dir selbst steckt in deinen Filmen?

Immer sehr viel. Mich persönlich interessieren auch am meisten jene Filme, die wirklich aus den Eingeweiden der Filmemacher kommen und aus einem Erfahrungsraum schöpfen, der über rein Recherchiertes hinausgeht.

Gleichzeitig erzähle ich nichts Autobiografisches. Natürlich fließt auch bei mir viel Recherche ein. Im Fall von In die Sonne schauen haben meine Koautorin Luise und ich uns allerdings gewissermaßen gemeinsam „zusammengezapft“ und uns – fast wie ein kollektives unbewusstes Medium – geöffnet. Wir haben Bilder und Momente aufsteigen lassen und aufgeschrieben, ohne zunächst zu verstehen, wie alles zusammenhängt.

Es war eine lange Phase der Materialsammlung, bis wir irgendwann gemerkt haben: Alles ist bereits da. Die Figuren waren da. Wir mussten sie uns nicht ausdenken – sie existierten bereits irgendwie, ohne dass wir sie konstruiert hätten.

Die deutsche Filmbranche verändert sich. Wo siehst du aktuell die größten Chancen für neue Regisseurinnen?

Ich hoffe sehr, dass Stimmen, die schnell verloren gehen können, die Chance bekommen, gehört zu werden und ihre Projekte gefördert zu sehen.

Gerade jene Stimmen, die uns oft am meisten interessieren – besonders bei Debütfilmen – sind häufig massiv unterfinanziert. Das bedeutet, dass viele enorme persönliche Verluste in Kauf nehmen und sich selbst stark ausbeuten müssen, um ihre Arbeit überhaupt realisieren zu können.

Ich würde mir wünschen, dass jungen Menschen, die voller Ideen, Leidenschaft und Experimentierfreude stecken, nicht schon der Stecker gezogen wird, bevor es überhaupt richtig losgeht.

Welche Herausforderungen hast du konkret als Frau in der Regie erlebt? Und findest du, dass sich in den vergangenen Jahren bereits etwas zum Positiven verändert hat?

Ich muss sagen, dass ich selbst sehr von der damals eingeführten Quote profitiert habe. Ich glaube, mein Weg wäre ohne sie ganz anders verlaufen. Noch während des Studiums konnte ich unter anderem SOKO Köln drehen – und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies nur durch die Quote möglich war. Das war für meinen Erfahrungsraum wichtig, aber auch finanziell, um das Studium überhaupt bewältigen zu können.

Ich glaube, ich habe diese Chance bekommen, weil Frauen bewusst besetzt werden mussten. Dadurch wurde man auf meine Arbeit aufmerksam und hat gesehen, dass ich gute Arbeit leiste.

Gleichzeitig stelle ich fest, dass ich immer wieder mit Fragen wie dieser konfrontiert werde. Dabei ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung weiblich – und trotzdem werden Frauen manchmal noch behandelt, als wären sie etwas Exotisches.

Ich finde es erschreckend, dass es immer noch Formulierungen gibt wie: „mit einer starken weiblichen Hauptrolle“. Man liest schließlich auch nicht: „ein starker männlicher Hauptdarsteller“. Dieses Gefühl, Frauen weiterhin wie etwas Besonderes oder Außergewöhnliches zu behandeln, muss aufhören. Es sollte endlich selbstverständlich sein, dass Gleichwertigkeit normal ist.

Wie wichtig ist dir die künstlerische Vision im Spannungsfeld zwischen Förderung, Produktion und Markt?

Die künstlerische Vision ist essenziell. Kontrolle würde ich es gar nicht nennen. Die künstlerische Vision ist der Antrieb, der Motor – die einzige Beständigkeit und im Grunde auch die einzige wirkliche Verlässlichkeit, die man hat.

Sobald daran gerüttelt wird und von außen versucht wird, bestimmte Rezepturen oder Erwartungen darüberzulegen, beginnt vieles zu zerfasern und auseinanderzufallen. Deshalb ist es entscheidend, Menschen zu finden, denen man vertraut und die einem vertrauen. Menschen, die an diese Vision glauben, sie im besten Fall zu ihrer eigenen machen und sie bereichern.

Wenn du in die Zukunft blickst: Welche Geschichten möchtest du unbedingt noch erzählen?

Ach, so vieles. Vor allem Geschichten, auf die ich selbst keine Antwort habe.

Mich interessieren immer Themen, bei denen ich viele Fragen spüre und merke, dass ich selbst keine klare Antwort kenne. Generell faszinieren mich Dinge, die noch nicht vollständig erforscht sind, die wir aber alle kennen und empfinden.

Mich wird es vermutlich immer reizen, eine filmische Übersetzung für Dinge zu finden, für die es keine Worte gibt.

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