Auf den ersten Blick scheint Prisoner – Auf der Flucht genau das zu sein, was das Genre verspricht: eine temporeiche Fluchtgeschichte, ein brutaler Angriff auf einen Gefangenentransport, Verfolgungsjagden, Waffen, Gewalt und permanenter Ausnahmezustand. Doch unter der Oberfläche der britischen Thriller-Serie verbirgt sich etwas deutlich Komplexeres. Prisoner erzählt nicht nur von Überleben, sondern von Moral, Nähe und der Frage, wie lange Menschen an ihren Überzeugungen festhalten können, wenn sie gezwungen werden, sich in Extremsituationen neu zu definieren.
Im Zentrum steht Amber Todd, gespielt von Izuka Hoyle, eine Justizbeamtin, die nach ihrer Babypause ausgerechnet am ersten Arbeitstag in eine Katastrophe gerät. Beim brutalen Angriff auf einen Gefangenentransport werden nahezu alle Beteiligten getötet. Übrig bleiben ausgerechnet Amber und Kronzeuge Tibor Stone, gespielt von Tahar Rahim – aneinandergekettet und auf der Flucht vor einem Verbrechersyndikat, das Tibor um jeden Preis ausschalten will.

Es ist eine Prämisse, die zunächst nach klassischem Thrillerstoff klingt. Doch genau hier beginnt das, was Prisoner von vielen Genreformaten unterscheidet. Denn Gut und Böse existieren in dieser Geschichte nicht nebeneinander – sie sind buchstäblich miteinander verbunden.
Regisseurin Pia Strietmann, die mehrere Episoden der Serie inszenierte, beschreibt gerade diesen erzählerischen Kniff als den entscheidenden Reiz des Projekts. Die Grundidee, dass moralische Gegensätze gezwungen werden, permanent nebeneinander zu existieren, eröffne ein ungewöhnliches Spannungsfeld. Amber, deren moralischer Kompass zunächst klar erscheint, gerät zunehmend in Situationen, die eindeutige Kategorien unmöglich machen. Schwarz und Weiß beginnen zu verschwimmen. Bis irgendwann nicht mehr klar ist, wer eigentlich noch „gut“ oder „böse“ ist.

Gerade diese Grauzonen interessierten Strietmann besonders. Die eigentliche Herausforderung bestand für sie darin, die Balance zwischen Action und emotionaler Tiefe zu finden. Denn Prisonerfunktioniert zwar als temporeicher Thriller, lebt aber ebenso stark von den Momenten dazwischen. Von Pausen. Blicken. Unsicherheiten.
„Jede Geschwindigkeit braucht Langsamkeit, um überhaupt als schnell wahrgenommen zu werden“, erklärt Strietmann sinngemäß. Wenn Action ohne Unterbrechung auf Action folgt, verliere selbst die spektakulärste Szene irgendwann ihre Wirkung. Genau deshalb brauche Spannung auch Momente, in denen Figuren atmen dürfen – und das Publikum hinter ihre Fassaden schauen kann.
Für Strietmann war die Serie gleichzeitig Neuland. Die Regisseurin kommt ursprünglich aus Charakterstoffen, Dramen und Politthrillern – Geschichten, die stark von Figuren und inneren Konflikten leben. Einen internationalen Actionthriller in dieser Größenordnung zu inszenieren, bedeutete für sie daher auch, das Genre bewusst anzunehmen und zu lernen, nicht jede emotionale Ebene erklären zu wollen.
Eine besondere Rolle spielte dabei Episode vier – jene Folge, die Strietmann selbst als beinahe klassische „Bottle Episode“ beschreibt. Fast vollständig an einem einzigen Ort angesiedelt, bei Tibors Mutter, verschiebt sich hier plötzlich der Fokus. Nach mehreren Folgen permanenter Flucht und Action entsteht Raum für etwas anderes: Charakterstudie. Vergangenheit. Familiäre Dynamik. Und ein Verständnis dafür, warum Menschen werden, wer sie sind. Besonders faszinierte Strietmann dabei Tibors Mutter Carla – eine Figur, die zunächst fast unsichtbar bleibt und erst spät eine enorme emotionale Wucht entfaltet. Die Mutter-Sohn-Beziehung zeichne kein eindeutiges psychologisches Erklärmodell, aber sie eröffne einen Blick auf emotionale Abgründe, die viel über Verletzlichkeit und menschliche Bindungen erzählen.

Auch Schauspielerin Leonie Benesch bewegt sich in Prisoner bewusst in diesen Ambivalenzen. Ihre Figur Nina Dragus ist eine Auftragskillerin, aber keine klassische Antagonistin. Kontrolliert, ruhig, fast unheimlich präsent – und gleichzeitig seltsam schwer greifbar. Bereits im Castingprozess wurde Leonie Benesch klar, dass diese Rolle anders funktionieren musste. Nina spricht kaum. Vieles ihrer Wirkung entsteht nicht über Dialoge, sondern über Körperlichkeit.
Gemeinsam mit Showrunner Matt Charman und Regisseur Otto Bathurst entwickelte Benesch deshalb eine Figur, die sich fast ausschließlich über physische Präsenz definiert. Wie läuft Nina? Wie hält sie Waffen? Wie schnell scannt sie einen Raum? Wer befindet sich darin? Wo ist der Ausgang? Benesch beschreibt den Denkprozess der Figur fast wie bei Jason Bourne – ständig analysierend, kalkulierend, wachsam.
Damit diese Körpersprache glaubwürdig funktioniert, absolvierte die Schauspielerin intensives Training. Gemeinsam mit Tahar Rahim und Izuka Hoyle standen zunächst Stunttrainings auf dem Programm, während parallel umfassendes Waffentraining mit einem ehemaligen Marine stattfand. Sprintübungen, Bewegungsabläufe, der richtige Blick um Ecken – jede Bewegung sollte selbstverständlich wirken.
„Ich war wahrscheinlich noch nie so regelmäßig im Fitnessstudio wie während dieser Dreharbeiten“, erzählt Benesch lachend.
Besonders reizvoll fand sie jedoch etwas anderes: Dass Nina keine typische Bösewichtin ist. Die Figur besitzt kaum familiäre Bindungen, lebt isoliert, fast emotional entkoppelt – und dennoch bleibt ihre Motivation nachvollziehbar.

Gerade diese Konstellation faszinierte Benesch. Normalerweise seien solche „einsamen Wölfe“ im Actiongenre fast immer männlich besetzt. Hier jedoch übernimmt eine Frau diese Rolle. Verletzlichkeit zeigt Nina fast ausschließlich in der Beziehung zu Declan, ihrem einzigen wirklichen Bezugsmenschen. Nur dort erlaubt die Figur Unsicherheit – während sie für alle anderen beinahe unnahbar bleibt.
Die größte Herausforderung lag für Benesch dennoch nicht im emotionalen Zugang, sondern in der physischen Belastung. Besonders die Tunnelsequenz in der ersten Folge beschreibt sie als eine der intensivsten Erfahrungen ihrer Karriere. Vier Nächte lang wurde bis in die frühen Morgenstunden in einem Tunnel gedreht, geschossen und choreografiert – begleitet von ohrenbetäubenden Platzpatronen und permanentem Adrenalin.
Gleichzeitig blieb die Action für Benesch oft erstaunlich abstrakt. Gerade weil alles minutiös choreografiert sei und Special Effects, Bloodbags und Explosionen fast spielerisch wirken, entstehe ein seltsamer Kontrast zwischen Gewalt und Inszenierung. Manchmal habe sich das fast angefühlt wie Kinder auf einem Spielplatz – gerade weil allen Beteiligten permanent bewusst sei, dass nichts davon real ist.
Für Pia Strietmann wiederum lag eine ganz andere Herausforderung in der Größe der Produktion. Prisoner ist eine britische Serie mit internationalem Cast, großem Budget und entsprechend komplexen Abläufen. Die Arbeitsweise am Set unterscheide sich dadurch deutlich von vielen deutschen Produktionen.
UK-Teams seien personell oft größer aufgestellt, erklärt die Regisseurin. Dadurch bleibe mehr Raum für die eigentliche kreative Arbeit. Gleichzeitig herrsche ein hoher Druck, effizient und präzise zu arbeiten. Diskussionen am Set? Dafür bleibe kaum Zeit. Alles müsse ineinandergreifen – wie eine gut geölte Maschine.
Interessanterweise veränderte die internationale Arbeit auch Strietmanns Regieansatz. Da Englisch nicht ihre Muttersprache sei – und auch Schauspieler wie Tahar Rahim in einer Fremdsprache arbeiteten –, verlagerte sich ihr Fokus stärker auf Körpersprache, Gesichter und Emotionen statt auf sprachliche Nuancen. Das eigentliche Zuschauen wurde wichtiger.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Prisoner trotz seines Actionfundaments funktioniert.

Weil die Serie nicht nur fragt, wie Menschen überleben – sondern wer sie werden, wenn sie dazu gezwungen sind.
Denn am Ende erzählt Prisoner weniger von Verfolgungsjagden als von Menschen, die sich unweigerlich gegenseitig verändern.
Gut und Böse.
Aneinandergekettet.
Die Serie gibt es ab dem 19.06.2026 in der ARD Mediathek.

