Schon die Neuinterpretation einer beliebten Disney-Figur ist für jede Schauspielerin eine Herausforderung. Für Catherine Laga’aia dürfte sie jedoch besonders groß gewesen sein: Gerade einmal 17 Jahre alt war sie, als sie mit der Hauptrolle in Disneys Realverfilmung von „Vaiana“ ihr Spielfilmdebüt gab.
Die heute 19-Jährige übernahm die Rolle von Auliʻi Cravalho, die Vaiana in den beiden Animationsfilmen gesprochen hatte, und war sich des Drucks, der mit der Figur verbunden ist, durchaus bewusst. Für die australische Schauspielerin mit samoanischen Wurzeln war es zunächst einschüchternd, eine Figur zu verkörpern, mit der sie selbst aufgewachsen war und in der sie sich immer wieder wiedergefunden hatte. Doch Co-Star Dwayne Johnson und Regisseur Thomas Kail, bekannt durch das Broadway-Musical Hamilton, nahmen ihr die Nervosität schnell.
An ihre erste Begegnung mit dem Animationsfilm von 2016 erinnert sie sich noch genau:
„Ich dachte nur: Das ist eine Prinzessin, die aussieht wie ich. Eine Prinzessin, die aussieht wie meine Schwester. Der Vater sieht aus wie mein Vater. Das ist ein Dorf auf einer Insel, von dem man mir immer erzählt hat – und plötzlich sehe ich es lebendig vor mir.“
Als Laga’aia für „Vaiana“ vorsprach, war sie praktisch noch unbekannt. Zuvor hatte sie lediglich in einigen Episoden der australischen Miniserie „The Lost Flowers of Alice Hart“ mitgewirkt. Beim offenen Instagram-Casting setzte sie sich schließlich gegen mehr als 32.000 Bewerberinnen und Bewerber aus aller Welt durch.
Mit großen Erwartungen sei sie allerdings nicht zum Vorsprechen gegangen, erzählt sie. Ihre Mutter dagegen sei von Anfang an überzeugt gewesen, dass sie die Rolle bekommen würde – ganz nach dem Motto: Mutterinstinkt.
Während sie sich nun darauf vorbereitet, dem Publikum ihre Version von Vaiana zu präsentieren, denkt Laga’aia oft daran zurück, wo ihre Begeisterung für die Schauspielerei begann: bei ihrem Vater Jay Laga’aia, der vor allem durch seine Rolle als Captain Typho in den „Star Wars“-Prequels bekannt wurde.
Und den Vorwurf des Nepotismus nimmt sie mit Humor.
„Ich bin damit aufgewachsen, meinen Vater bei seiner Arbeit zu erleben, und ich habe einen tiefen Respekt vor seiner Leidenschaft, seiner Entschlossenheit und der unglaublichen Energie, mit der er sich dieser Aufgabe widmet. Wenn man sieht, wie sehr ein Mensch für etwas lebt, entsteht ganz automatisch der Eindruck: Das muss etwas Besonderes sein. Da muss mehr dahinterstecken.
Im Gespräch spricht Laga’aia unter anderem über die wichtigsten Ratschläge ihres Vaters, ihre eigene Interpretation von Vaiana, die Zusammenarbeit mit Dwayne Johnson und darüber, wie sie mit ihrer plötzlichen Bekanntheit umgeht.
Welche Lehre aus der Karriere Deines Vaters begleitet Dich heute am meisten?
Catherine Laga’aia: „Einer der wichtigsten Ratschläge meines Vaters lautet: Dein eigentlicher Job ist das Vorsprechen – nicht die Rolle. Die Rolle hast du noch gar nicht. Deine Aufgabe ist es, alles in das Casting zu investieren – in die Szenen, die man dir gibt, oder in das Lied, das du vorsingen sollst. Mit dieser Einstellung gehe ich in jedes Vorsprechen: Ich gebe alles, was ich habe, und versuche, die bestmögliche Version von mir selbst zu zeigen.“
Moana ist für viele junge Mädchen ein großes Vorbild. Wie hast Du die Figur für Dich neu interpretiert?
Catherine Laga’aia: Das Wichtigste, was ich von Regisseur Tommy Kail und auch von Auli’i Cravalho gelernt habe, war: Mach die Rolle zu deiner eigenen. Wir wollten den Animationsfilm nicht einfach kopieren – den gibt es schließlich bereits. Unser Ziel war es, der Geschichte neue Facetten hinzuzufügen.
Deshalb habe ich bewusst Teile meiner eigenen Persönlichkeit eingebracht. Meine Moana ist außerdem etwas älter als die von Auli’i. Ich war 17, als wir gedreht haben, sie war damals 14. Das sind zwar nur drei Jahre Unterschied, aber zwischen einer 14- und einer 17-Jährigen liegen Welten. Ich selbst musste damals meine Schule und mein gewohntes Umfeld verlassen, um an einen völlig neuen Ort zu reisen. Dieses Gefühl ist ganz natürlich in meine Darstellung eingeflossen.
Die „Moana“-Filme stehen auch für die Repräsentation der pazifischen Inselkulturen. Welche Bedeutung hat das für Dich?
Catherine Laga’aia: Es fühlte sich wirklich an, als wären wir ein Dorf. Tommy sagte oft, dass wir alle jetzt aus Motunui kommen – dem fiktiven Heimatdorf von Moana. Natürlich stammen wir in Wirklichkeit von ganz unterschiedlichen pazifischen Inseln und aus verschiedenen Teilen Polynesiens. Aber während der Dreharbeiten waren wir alle Menschen aus Motunui.
Das hatte etwas unglaublich Verbindendes. Es fühlte sich an wie eine große Familie. Jeder nennt jeden Onkel oder Tante, überall laufen Kinder herum – die Atmosphäre war voller Energie und Herzlichkeit.
Du hast eng mit Dwayne Johnson zusammengearbeitet. Was hast Du aus der Zusammenarbeit mitgenommen?
Catherine Laga’aia: Was ich an Dwayne besonders bewundert habe, ist seine Bereitschaft, alles auszuprobieren. Wenn jemand sagt: „Dwayne, probier das mal“, dann macht er es einfach.
Egal ob die Anweisung lautet: „Dreh dich einmal pirouettenartig und spring dann vom Boot“ – er antwortet nur: „Alles klar, los geht’s.“ Diese Einstellung steckt an. Wenn jemand so offen für alles ist, möchte man selbst genauso engagiert sein und immer sein Bestes geben.
Neben den Dreharbeiten an Originalschauplätzen hast Du auch viel vor Bluescreens gespielt. War das schwierig?
Catherine Laga’aia: Ich würde zu gern einmal einen Director’s Cut veröffentlichen, der zeigt, worauf ich tatsächlich geschaut habe, während das Publikum später wunderschöne Schweine oder die riesige grüne Inselgöttin sieht. (lacht) Denn meistens habe ich… auf gar nichts geschaut.
Zum Glück gab es aber den Animationsfilm von 2016. Ich konnte jederzeit nachsehen, wie Te Fiti, Pua oder Heihei aussehen.
Am schwierigsten war die körperliche Interaktion mit Figuren, die gar nicht da waren. Dann hieß es zum Beispiel: „Katie, tritt Heihei.“ Und ich dachte: Wo genau? Wie schwer ist er? Wie weit fliegt er? Tut ihm das weh?
Für Dwayne und mich war besonders wichtig, dass wir Heihei auf dem Boot nicht versehentlich „zertrampeln“.
Eine meiner Lieblingsszenen war der Kampf gegen die Kakamora. Uns wurde erklärt: „Die Kakamora springen auf euch. Ihr packt sie einfach und werft sie irgendwohin – den Rest erledigen wir später am Computer.“ Anschließend hieß es zu Dwayne: „Pflück mal einen von Katie herunter.“ (lacht) Wir müssen dabei ausgesehen haben wie komplett Verrückte.
Hast Du Requisiten oder Kostüme als Erinnerung mitnehmen dürfen?
Catherine Laga’aia: Ich hätte es liebend gern getan – und glaub mir, ich habe ständig gefragt. (lacht)
Fast jeden zweiten Tag hieß es: „Kann ich das haben?“ Und jedes Mal bekam ich dieselbe Antwort: „Nein.“
Viele Requisiten sind extrem wertvoll und empfindlich. Deshalb verstehe ich natürlich, dass sie nicht einfach verschenkt werden.
Immerhin durfte ich die Blume behalten, die Moana im Haar trägt. Außerdem habe ich nach ihrem Paddel gefragt und warte bis heute darauf. Also, lieber Requisitenmeister Matt Cavaliero: Gib mir endlich mein Paddel! Ich weiß genau, dass du es irgendwo bei dir zu Hause hast. (lacht)
Mit „Moana“ beginnt Deine internationale Karriere. Bist Du auf die Aufmerksamkeit vorbereitet?
Catherine Laga’aia: Um ehrlich zu sein, fühlt sich das alles immer noch ziemlich surreal an. Ich kann kaum nachvollziehen, warum Menschen Interviews mit mir lesen oder Fotos von mir machen wollen.
Schon als The Hollywood Reporter ein Interview wollte, dachte ich nur: Warum denn? Was habe ich schon zu erzählen?
Ich selbst habe mich eigentlich kaum verändert. Das ist dieses Phänomen des angeblichen „Übernacht-Erfolgs“. Viele glauben plötzlich, man sei aus dem Nichts aufgetaucht – dabei sehen sie nur all die Jahre harter Arbeit nicht, weil sie einen vorher einfach nicht kannten.
Was sollen Menschen, die Dich durch diesen Film kennenlernen, über Dich wissen?
Catherine Laga’aia: Vor allem, dass ich sehr genau weiß, dass ich ein Nepo Baby bin. Das müsst ihr mir also nicht vorwerfen – ich weiß das selbst. (lacht)
Ansonsten weiß ich gar nicht, was die Leute unbedingt über mich erfahren möchten. Wenn sie mich nicht mögen, gibt es noch sieben andere Versionen von mir, die sie ausprobieren können – vielleicht gefällt ihnen eine davon besser. (lacht) Ehrlich gesagt halte ich mich selbst gar nicht für besonders interessant.
Welche Ziele hast Du für Deine weitere Karriere? Gibt es Traumrollen oder Menschen, mit denen Du unbedingt arbeiten möchtest?
Catherine Laga’aia: Ich bin mit dem Theater aufgewachsen und wollte schon immer auf der Bühne stehen. Das war ursprünglich das, was ich am Schauspielern am meisten geliebt habe.
Durch „Moana“ habe ich unglaublich viel über Filmschauspiel gelernt und es inzwischen ebenfalls lieben gelernt. Jetzt frage ich mich: Wie geht es weiter?
Ich würde sehr gern in unabhängigen Filmproduktionen mitspielen, aber auch in weiteren großen Projekten wie „Moana“. Trotzdem hätte ich das Gefühl, dass meiner Karriere etwas fehlen würde, wenn ich nie wieder auf einer Theaterbühne stehen dürfte.

