Interview mit Tom Keune zu Nürnberg

Im Interview zu „Nürnberg“ spricht Tom Keune über seine Rolle als Robert Ley, die Arbeit mit Rami Malek und Russell Crowe sowie die besondere Verantwortung, eine historische NS-Figur zu spielen.

Mit Nürnberg bringt Regisseur James Vanderbilt die psychologischen Nachwirkungen der Nürnberger Prozesse auf die Leinwand – mit einem internationalen Cast rund um Rami Malek, Russell Crowe und Leo Woodall. Mittendrin: der deutsche Schauspieler Tom Keune, der in dem historischen Drama den NS-Funktionär Robert Ley verkörpert.

Im Gespräch mit The Hollywood Reporter Germany spricht Keune über die Verantwortung, eine reale Figur aus der NS-Zeit zu spielen, seine ersten Erfahrungen an einem Hollywood-Set und darüber, warum er bewusst vermeiden wollte, dass das Publikum Sympathie für seine Figur entwickelt.

Tom Keune | Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tom Keune

Was hat dich an der Rolle besonders gereizt?

Erstmal, dass es sich um eine historische Figur handelt. Ich hatte zuvor schon einige Drehbücher auf dem Tisch, in denen fiktionale Nationalsozialisten behandelt wurden. Das fand ich oft problematisch, weil es schnell etwas NS-romantisierendes hatte und die Figuren meist sehr eindimensional angelegt waren. Deshalb habe ich so etwas bisher nie gemacht.

In diesem Fall war es aber anders, weil ich unglaublich viel Material hatte. Das Buch Der Nazi und der Psychiater diente uns als Vorlage, dazu kamen die überlieferten Sitzungen zwischen Kelley und Robert Ley sowie Originalvideomaterial. Ich konnte mir echte Reden anhören und dadurch Stück für Stück eine Figur zusammensetzen, die mich wirklich interessiert hat.

Tom Keune | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Das ist ja wirklich ein hochkarätiger Cast mit Russell Crowe, Rami Malek oder Michael Shannon. Wie war die Zusammenarbeit mit ihnen?

Michael Shannon bin ich tatsächlich nicht begegnet. Die meisten Szenen hatte ich mit Leo Woodall und Rami Malek, und das war großartig. Ich hatte das Glück – oder vielleicht auch den Schockmoment –, direkt am ersten Drehtag mit meiner emotional intensivsten Szene zu starten. Es gab also keine Möglichkeit, mich langsam hineinzufinden. Ich musste sofort komplett da sein.

Ich wurde aber unglaublich gut aufgenommen. Gerade bei Schauspielern, die man selbst bewundert, hofft man natürlich immer, dass sie auch menschlich angenehm sind, weil einem sonst irgendwie etwas kaputtgehen würde. Ich bin zum Beispiel ein riesiger Fan von John Slattery und seiner Arbeit bei The Good Fight. Da hat man dann kurz diesen kleinen Fan-Moment.

Aber wirklich alle waren wahnsinnig respektvoll, unterstützend und professionell. Es war komplett auf Augenhöhe. Das galt übrigens für das gesamte Team – Kamera, Gewerke, alle. Auch die Zusammenarbeit mit James Vanderbilt war toll.

Tom Keune | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Der Film behandelt ein historisch extrem sensibles Thema. Wie hast du dich auf diese Verantwortung vorbereitet?

Ich habe zuerst intensiv mit James Vanderbilt gesprochen. Er hat mir dabei auch großes Vertrauen entgegengebracht und gesagt: „Du bist in gewisser Weise der Spezialist dafür.“ Und das stimmt natürlich insofern, als dass ich mit diesem historischen Bewusstsein aufgewachsen bin.

Ich hatte Geschichte-Leistungskurs, war während der Schulzeit in Konzentrationslagern, wir haben gemeinsam Schindlers Liste im Kino gesehen. Diese Verantwortung war für mich also immer präsent. Deshalb war mir auch wichtig, dass wir uns absolut einig darüber sind, wie wir diesen Charakter erzählen wollen. Nur dann wäre es für mich überhaupt möglich gewesen, die Rolle zu spielen.

Tom Keune | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Du hast gesagt, dass du nicht möchtest, dass die Zuschauer Sympathie für die Figur entwickeln.

Ja. Robert Ley hat sich dem Urteil entzogen, weil er bis zuletzt überzeugt davon war, dass das Regime richtig gewesen sei. Er empfand bis zum Schluss Stolz und sah sich selbst als unschuldig. Er verstand überhaupt nicht, was die Ankläger von ihm wollten.

Deshalb wollte ich, dass die Zuschauer ihn klar verurteilen können. Normalerweise versucht man als Schauspieler eher, die Figur zu verteidigen oder zumindest verständlich zu machen. Man ist ja gewissermaßen der Anwalt seiner Rolle. Aber hier wollte ich das bewusst nicht. Das war eine sehr klare, aktive Entscheidung in meiner Herangehensweise.

War das schwieriger in der Vorbereitung oder im Spielen selbst?

Eigentlich nicht. Natürlich muss man emotional in bestimmte Zustände kommen, aber letztlich sind es eben Zustände. Bei dieser Figur ging es nie darum, einen inneren Konflikt zu überwinden oder sich zu verändern. Robert Ley war extrem infantil und erratisch – jemand, der permanent zwischen Emotionen schwankt, ohne jede Selbstreflexion.

Das braucht einerseits emotionale Extreme, andererseits aber auch eine sehr präzise Charakterstudie und einen klaren erzählerischen Bogen.

Tom Keune | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Wie wichtig war historische Genauigkeit für dich?

Die Frage ist immer, was man darunter versteht. Für mich lag der Fokus weniger auf äußerlicher Genauigkeit oder perfekter sprachlicher Nachahmung. Entscheidend war das Innenleben der Figur, diese Geisteshaltung und seine Glaubenssätze.

Robert Ley kam außerdem aus derselben Region wie ich – wir sind beide Rheinländer. In der Eifel gibt es die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang, eine Ausbildungsstätte des Regimes. Diese historische Nähe hat natürlich etwas mit mir gemacht.

Anfangs dachte ich sogar darüber nach, stärker in die Dialektfärbung zu gehen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das nicht organisch kam und eher wie eine Imitation gewirkt hätte. Deshalb habe ich es bewusst reduziert.

Tom Keune | Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tom Keune

Was nimmst du persönlich aus diesem Projekt mit?

Es war mein erster Hollywoodfilm, aber ich möchte daraus jetzt keine allgemeingültige Blaupause machen. Ich finde es immer schwierig, wenn Menschen einmal etwas erleben und direkt erklären wollen, wie alles funktioniert.

Was ich aber definitiv mitnehme, ist die Erfahrung, wie uneitel dort gearbeitet wurde. Gerade die Arbeit mit Rami Malek und Leo Woodall hat mir gezeigt, dass es wirklich nur um die Geschichte ging – nicht um Nebenschauplätze oder Ego.

Das hat mich sehr inspiriert und mich nochmal daran erinnert, warum ich diesen Beruf eigentlich mache: um gemeinsam Figuren und Geschichten zu erschaffen.

Rami Malek und Leo Woodall am Set von Nürnberg | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Wie lange warst du insgesamt am Set?

Rein gedreht habe ich etwa fünf oder sechs Tage, insgesamt war ich aber ungefähr 15 Tage in Budapest. Dazu kamen mehrere Kostümproben, Vorbereitungen für Special Effects und Tage zwischen den Drehs.

Gab es bei einem so sensiblen historischen Stoff auch Historiker oder Berater am Set?

Ich habe das nicht direkt mitbekommen, aber das Buch als Grundlage war sehr genau, und ich glaube, dass im Vorfeld extrem viel Recherche betrieben wurde.

Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen: Ich habe eine Rede von Robert Ley gedreht. Den Amerikanern lag sie natürlich im deutschen Original vor, sie wurde übersetzt und dann wieder zurückübersetzt. Dabei habe ich gemerkt, dass sprachlich etwas fehlte. Ich hatte genug Material, um das zu belegen, und diese Genauigkeit wurde sehr geschätzt. Sie haben sofort gesagt: „Wenn du sagst, das ist wichtig, ändern wir das.“

Die einzigen deutschsprachigen Personen am Set waren übrigens die Dialektcoaches für Leo Woodall und Russell Crowe.

Tom Keune in der Maske am Set von „Nürnberg“ | Foto: mit freundlicher Genehmigung von Tom Keune

Wie blickst du heute auf die gesamte Reise zurück?

Es war wirklich aufregend. Vom ersten Casting bis zum fertigen Film hat das Ganze zwei Jahre gedauert. Natürlich fragt man sich in so einer Zeit ständig: Klappt das alles? Funktioniert das am Ende wirklich?

Ich hatte damals parallel andere Projekte in Deutschland schon zugesagt und hätte deshalb an an den großen Prozess-Drehtagen gar nicht dabei sein können. Schon deshalb war es gut, dass mein Charakter den Prozess nicht aktiv erlebt, sonst wäre das ganze Projekt für mich geplatzt.

Und bei einem zweieinhalbstündigen Film weiß man natürlich auch nie, was am Ende tatsächlich im fertigen Schnitt landet. Deshalb war ich umso glücklicher, dass wirklich alle meine Szenen im Film geblieben sind.

Ich bin sogar nach Polen gefahren, um ihn selbst im Kino zu sehen. Vorher hatte ich schon Nachrichten aus den USA bekommen von Leuten, die mich im Kino gesehen hatten. Da dachte ich irgendwann: Jetzt muss ich mir das auch selbst anschauen.

Diese gesamte Reise hatte viele Höhen und Tiefen, aber jetzt bin ich einfach froh, dass der Film draußen ist – und glücklich mit dem Ergebnis.

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