Andrew Scott hatte „Hamlet“ 150 Mal gespielt – jede Aufführung dauerte drei Stunden und 45 Minuten. Er hatte alle 1.500 Zeilen gelernt, um Abend für Abend auf der Bühne bestehen zu können. Er hatte die körperlichen Anforderungen des Schwertkampfs im letzten Akt gemeistert und sich durch die komplexe, volatile Gefühlswelt gearbeitet, die auf diesen Moment zuläuft. „Man beschäftigt sich mit dem Kern der größten Frage, die wir haben“, sagt Scott heute. „Was passiert mit uns, wenn wir sterben?“
Ben Brantley schrieb damals in der New York Times über Scotts Interpretation: „Ich konnte sehen, wie sein Herz in seiner Brust pochte und zerbrach.“
Das war 2017, als Scott mit seiner Interpretation des Prinzen von Dänemark das Londoner West End elektrisierte. Fast ein Jahrzehnt später musste der mit dem Olivier Award ausgezeichnete Ire verlernen, wie er diese Rolle einst bewältigt hatte – und ganz von vorn beginnen. Scott wurde für Elsinore besetzt, eine filmische Neuinterpretation, die eine der außergewöhnlichsten „Hamlet“-Geschichten der britischen Theatergeschichte erzählt: die von Ian Charleson, der die Rolle spielte, während er an Aids erkrankte, und der seiner Krankheit weniger als zwei Monate nach seinem letzten Auftritt erlag.
„Wenn man über ,Sein oder Nichtsein‘ spricht, über die Frage ,Lebe ich oder sterbe ich?‘ – Ian sprach nicht über eine Möglichkeit. Zu diesem Zeitpunkt war sein Tod unausweichlich“, sagt Scott. „Dass Ian dieses Stück spielte, obwohl er so schwer krank war, ist für mich nach wie vor völlig unfassbar. Und die Entscheidung, es zu tun, war unglaublich mutig.“
Nun tritt Scott in Elsinore in diese großen Fußstapfen. Der Film wird auf verschiedenen Festivals zu sehen sein, darunter in Toronto und London, bevor er am 20. November in die Kinos kommt. Scott verkörpert einen völlig eigenständigen, ebenso erschütternden Hamlet – als Charleson – und zugleich einen Künstler, der sich dem Ende seines Lebens entgegenstellt. Als offen schwuler Schauspieler spielt er einen schwulen Kollegen, der in einer Zeit Karriere machte, in der ein offener Umgang mit der eigenen Sexualität das berufliche Aus bedeuten konnte. Zugleich ist Scott erstmals offiziell als Produzent eines Films beteiligt.
„Dieser Film hat mit allem in meinem Leben zu tun – ich habe mein ganzes Leben im Theater verbracht“, sagt Scott, der sich mit Serien wie Sherlock und Fleabag sowie dem von der Kritik gefeierten Film All of Us Strangers aus dem Jahr 2023 auch auf der Leinwand und im Fernsehen einen Namen gemacht hat. „Und als schwuler Schauspieler bewegt es mich nach wie vor sehr, dass ich heute die Möglichkeit habe, eine Rolle zu spielen, die Ian und seine Zeitgenossen als aktive Schauspieler niemals bekommen hätten.
Ich wollte, dass die Menschen verstehen, dass er versucht hat zu leben – es geht nicht darum, seinen Tod zu verklären“, fährt Scott fort. „Er war voller Leben und Lebensfreude. Und er hat etwas Außergewöhnliches geleistet.“

Charleson starb im Alter von nur 40 Jahren, hinterließ jedoch ein beeindruckendes Werk. Der schottische Schauspieler wurde 1981 durch seine charmante Darstellung eines olympischen Läufers und Missionars in Chariots of Fire bekannt. Im Jahr darauf spielte er den anglikanischen Priester Charlie Andrews in Gandhi – und gehört damit zu einer kleinen Gruppe von Schauspielern, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren in Oscar-prämierten Filmen als „Bester Film“ zu sehen waren.
Als bei Charleson Aids diagnostiziert wurde, war seine Karriere allerdings ins Stocken geraten. Dann zog sich Daniel Day-Lewis überraschend aus der Inszenierung von Hamlet am National Theatre 1989 zurück – später begründete er den Schritt mit einer schweren emotionalen Belastung. Regisseur Richard Eyre (gespielt von Johnny Flynn in Elsinore) wandte sich daraufhin an Charleson und bot ihm die Rolle an.
„Die Geschichte dieses letzten Jahres in Ians Leben ist im Londoner Theater inzwischen fast legendär“, sagt Drehbuchautor Stephen Beresford (Pride). Charlesons Arzt, die wegweisende Medizinerin Margaret Johnson (gespielt von Olivia Colman), hatte ihm geraten, die Strapazen von Hamlet seien für einen Menschen in seinem Zustand viel zu groß. Doch Charleson tat es. Seine Tage teilte er zwischen der Behandlung in der Klinik und den Proben mit dem Ensemble auf.
„Ich war völlig überwältigt von diesem Wunder menschlicher Stärke … Für ihn war es eine Möglichkeit, bis zuletzt vollkommen mit seinem Lebenszweck und seiner Identität verbunden zu bleiben“, sagt Elsinore-Regisseur Simon Stone (The Dig). „Es gibt Geschichten von Filmemachern, die am Set gestorben sind, die ihren letzten Film drehen und anschließend in das große Jenseits verschwinden. In der Vorstellung, dass man stirbt, während man das tut, was man liebt – und dabei sogar noch die Geschichte seines eigenen Endes schreiben kann –, liegt etwas ungeheuer Bedeutungsvolles.“
Schon als junger Schauspieler wurde Scott häufig mit Charleson verglichen. Elsinore entwickelte sich organisch aus der Zusammenarbeit zwischen ihm, Stone und Beresford, die allesamt mühelos zwischen Bühne und Leinwand wechseln. In einer WhatsApp-Gruppe namens „The Charleson Chaps“ tauschten sie Ideen aus und arbeiteten heraus, was sie im Kern erzählen wollten.
Sie wollten eine Geschichte über menschliche Widerstandskraft erzählen. Das Wunder einer queeren Gemeinschaft einfangen. Ehrlich von der Erfahrung eines sichtbaren und zugleich nicht geouteten Schauspielers in den 1980er-Jahren erzählen. Und neben dem Schmerz auch die Freude finden, neben der Tragödie den Triumph – ohne dabei die harte Realität aus den Augen zu verlieren.
Als Gesicht dieses Projekts musste Scott diese Haltung verkörpern. Er nahm deutlich ab und tauchte vollständig in die Rolle ein.
„Wir wussten, dass es etwas ganz Besonderes werden könnte, wenn er wirklich alles auf dem Spielfeld lässt – wenn er sich selbst und uns nichts erspart und ehrlich durch die gesamte Bandbreite der Gefühle geht, die jemand empfinden muss, der das durchmacht, was Ian durchgemacht hat“, sagt Stone über seinen Hauptdarsteller. „Es gibt diesen Geist von Ian, der weitergegeben wurde, und Andrew hat es geschafft, ihn aus dem Äther einzufangen. Ich bin überzeugt, dass ihre Geister miteinander geflüstert haben, denn in dieser Darstellung wirkt es, als sei Andrew von ihm besessen.“
„Ich kenne Andrew schon lange und kannte ihn bereits, als er Hamlet spielte. Ich habe ihn nach den Vorstellungen gesehen, wenn er von der Bühne kam, als wäre er fünf Stunden lang hinter einem Lastwagen hergeschleift worden“, ergänzt Beresford. „Und das ist wichtig: Ein Schauspieler, der den Everest namens ,Hamlet‘ selbst bezwungen hat, versteht, wie es ist, die Rolle zu spielen, während man krank ist – sich selbst dem auszusetzen, was Ian damals durchgemacht hat.“
Beresford und sein Team sprachen mit Charlesons engstem Umfeld aus jener Zeit, um seine Welt möglichst authentisch einzufangen. Sein tatsächlicher bester Freund, David Rintoul, spielt in der von Elsinore imaginierten „Hamlet“-Inszenierung den Geist. Rintoul hatte bereits 2017 in Scotts „Hamlet“ mitgespielt – ebenso wie die Olivier-Award-Gewinnerin Juliet Stevenson, die hier erneut als Gertrude an Scotts gequältem Prinzen beteiligt ist.
Auch mit Flynn und Colman hatte Scott zuvor gearbeitet. Billie Piper wiederum ist als legendäre Casting-Direktorin Patsy Pollock, die Charleson in seinen letzten Tagen pflegte, unwiderstehlich.
„Im Zentrum des Films steht gewissermaßen eine etwas andere Liebesgeschichte“, sagt Beresford. „Denn gerade für viele schwule Männer war es damals so, dass die Menschen, die sie pflegten, sich um sie kümmerten und sie unterstützten, Freunde waren – sehr oft Freundinnen.“
„Wir brauchten jemanden, der theatralisch und sexy ist und dieses riesige Herz besitzt – und Billie gehört zu den ganz Großen“, sagt Scott. „Jeder einzelne Mensch in diesem Cast ist jemand, mit dem ich bereits eine Verbindung habe, den ich liebe oder mit dem Simon und Stephen schon gearbeitet haben.“
Diese Vertrautheit brachte immer wieder Leichtigkeit in das schwere Material und unterstützte zugleich eine der überraschendsten Qualitäten von Elsinore: Der Film ist von Anfang bis fast zum Ende von Humor durchzogen.
„Für mich war es sehr wichtig, dass der Film kein Leidensbericht wird“, sagt Beresford. „Er zeigt, wie die Menschen hier in London während dieser Krise waren. Und das ist für mich nicht nebensächlich. Es ist ein Beweis dafür, dass das Leben weitergeht, ein Sinn für Humor – und eine Form des Widerstands. Eine erhobene Faust gegen das Problem.“

Wenn Elsinore in seiner Umsetzung angesichts der radikalen Figur im Zentrum bisweilen beinahe klassisch wirkt, ist auch das vollkommen beabsichtigt. Tatsächlich ließ sich der Film unmittelbar von Sportklassikern wie Rocky und Karate Kid inspirieren.
„Wir leben gerade in einer extrem gespaltenen Welt, und diese immer weitergehende Aufteilung erzeugt so viel Einsamkeit“, sagt Stone. „Dass wir die Unterschiede des anderen akzeptieren und anerkennen, ist deshalb auf seltsame Weise eine radikale Aussage. Diese sehr humanistische, fast altmodische Hollywood-Botschaft – ,Wir sind füreinander da‘ – hat mich an diesem Film besonders gereizt. Ich habe mir viele Hollywood-Dramen aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren angesehen. Wenn man betrachtet, wie sie strukturiert sind, spürt man diese kathartische Freude, die am Ende eines Kampfes entsteht.“
Am deutlichsten wird die Sportfilm-Metapher in den „Hamlet“-Proben, die von Cutter Valerio Bonelli mit enormer Energie in den Film montiert wurden. Stone inszenierte sie wie die Trainingsmontagen aus Rocky, beinahe dokumentarisch und spontan. Für Scott bedeutete das, das Stück besser zu kennen als je zuvor.
Für den Schauspieler war dieser Ansatz nur konsequent: „Wir wollten Theater nicht als diese höfliche Angelegenheit darstellen, die man erledigt und bei der anschließend alle noch einen Cocktail trinken gehen“, sagt Scott. „Es ist etwas körperlich Außergewöhnliches, und den Menschen ist oft gar nicht bewusst, welch olympische Leistung Theater für die Darsteller bedeutet.“
Scott lernte alle sieben Monologe des Stücks, um sie jederzeit auf Abruf rezitieren zu können. Stone gab Flynn in seiner Rolle als Eyre spontan Anweisungen, die dieser an Scotts Charleson weitergab.
„Ich wollte nicht, dass irgendjemand Andrew fragen muss, was er tun wird, sobald die Kameras laufen“, sagt Stone. „Ich wollte, dass er die absolute Freiheit hat, verdammt noch mal alles zu tun, was er tun will, und überallhin zu gehen, wohin er gehen will.“
Durch die Rolle verarbeitete Scott auch seine Trauer über den Verlust seiner Mutter, die erst ein oder zwei Jahre zuvor gestorben war.
„Meine Mutter war meine größte Unterstützerin“, sagt er. „Ich habe das Gefühl, dass etwas in einem zum Vorschein kommt, wenn man etwas für jemand anderen tut und nichts mehr zu verlieren hat. Ich wollte es unbedingt richtig machen.“
Das Team durchforstete Hamlet nach Passagen, die besonders stark mit Charlesons Geschichte korrespondierten – unterstützt von Scotts außergewöhnlichem Gespür für Shakespeares Sprache.
„Ich war schon immer sehr leidenschaftlich bei der Vorstellung, dass Shakespeare verständlich sein sollte, dass wir sagen können: ,Ah, ich verstehe, was das bedeutet.‘ Ich mag die Vorstellung nicht, dass Shakespeare unbedingt Hochkultur sein muss“, sagt der Schauspieler.
Auch Charleson selbst bemüht sich Elsinore mit Nachdruck nicht als eindimensionalen Menschen darzustellen.
„Vieles von dem, was über Ian geschrieben wurde, ist wunderbar, aber es macht ihn ein wenig zu einem Heiligen“, sagt Beresford.
Der Film stellt komplexe Fragen darüber, wie Charleson sich als heterosexuell präsentierte, um seine Karriere zu schützen – und wie sich sein Leben angesichts seiner eigenen Krankheit zunehmend auf die queeren Menschen in seinem Umfeld, aus der Vergangenheit wie der Gegenwart, konzentrierte.
„Die Diskriminierung war enorm – und sie hatte tatsächlich Auswirkungen darauf, wie Menschen deine Arbeit sahen, interpretierten und aufnahmen“, sagt Stone. „Er wollte keine dieser Rollen opfern. Und das kann ich verstehen.“
Scott, der dreimal für einen Golden Globe und einmal für einen Emmy nominiert wurde, outete sich vor 13 Jahren öffentlich. Seitdem hat sich seine Karriere weiter entfaltet. In dieser Hinsicht fühlte sich Elsinore für ihn wie ein kraftvoller Meta-Kommentar an, der einen Kreis schließt.
„Zu Ians Zeit gab es schlicht keine Beispiele für Menschen, die nicht heterosexuell waren und trotzdem in Filmen zu sehen waren. Das ist einfach eine Tatsache“, sagt Scott. „Als ich mich dazu entschied, offen mit meiner Sexualität umzugehen, erinnere ich mich daran, dass mich die Menschen anfangs davor warnten. Sie sagten, es gebe nicht genügend Vorbilder. In gewisser Weise konnte ich diese Angst verstehen.
Aber für mich ist es wichtig zu sagen, dass mein Coming-out von Anfang an ausschließlich positive Auswirkungen auf meine Karriere hatte – ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen. Und ich bin sehr stolz und bewegt von der Tatsache, dass wir, auch wenn dieser Kampf niemals vorbei sein wird, in mancher Hinsicht einen sehr weiten Weg zurückgelegt haben.“

