Nürnberg 1945 – Zwischen Gerichtssaal und Abgrund der Psyche

Psychologische Perspektive auf die Nürnberger Prozesse und die Untersuchungen von Douglas M. Kelley zu den führenden NS-Tätern, insbesondere Hermann Göring.

Nürnberg, 1945. Eine Stadt in Trümmern wird zur Bühne eines historischen Wendepunkts. Während die Welt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit den unvorstellbaren Verbrechen des NS-Regimes ringt, beginnt ein Prozess, der die internationale Rechtsprechung für immer verändern wird: die Nürnberger Prozesse.

Doch neben den juristischen Auseinandersetzungen spielt sich im Verborgenen eine zweite, nicht weniger bedeutende Ebene ab – die Untersuchung der Täter selbst. Im Zentrum steht der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley.

NÜRNBERG: Douglas M. Kelley (Rami Malek) sucht Ablenkung bei Lila McQuaide (Lydia Peckham). | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Nach der Kapitulation Deutschlands stehen die Alliierten vor einer historischen Entscheidung: Wie soll mit der gefangenen NS-Führung umgegangen werden?

  • Winston Churchill tendiert zu sofortiger Hinrichtung
  • Joseph Stalin bevorzugt einen Schauprozess mit feststehendem Urteil
  • US-Präsident Harry S. Truman besteht auf einem rechtsstaatlichen Verfahren

Das Ergebnis ist ein Novum der Weltgeschichte: ein internationales Tribunal in Nürnberg. Zum ersten Mal werden führende Vertreter eines Staates wegen Verbrechen gegen den Frieden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt.

In dieser angespannten Atmosphäre erhält Kelley eine ungewöhnliche Aufgabe: Er soll die Angeklagten psychiatrisch untersuchen, um ihre Verhandlungsfähigkeit zu beurteilen – und ihre psychologischen Strukturen zu verstehen.

NÜRNBERG: Die verbliebenen NS-Hauptkriegsverbrecher stehen in Nürnberg vor Gericht, darunter Hermann Göring (Russell Crowe, links unten) und Rudolf Heß (Andreas Pietschmann, daneben). |Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Zu seinen Patienten gehören einige der ranghöchsten NS-Funktionäre, darunter Hermann Göring. Kelley soll herausfinden:

  • Sind diese Männer geistig gesund genug für einen Prozess?
  • Oder handelt es sich um pathologische Persönlichkeiten?
  • Und vor allem: Wie konnte es zu diesen Verbrechen kommen?

Kelley arbeitet mit Interviews, Persönlichkeitstests und Verhaltensbeobachtungen im Gefängnis. Sein Ziel ist es, Muster zu erkennen – Hinweise auf Wahnsinn, ideologische Verblendung oder charakterliche Abweichungen.

Doch seine Ergebnisse überraschen: Viele der Angeklagten wirken nicht wie klassische „Monster“, sondern wie intellektuell brillante, ehrgeizige und rational handelnde Menschen.

Besonders die Gespräche mit Hermann Göring werden für Kelley zum psychologischen Schlüsselduell – geprägt von Manipulation, Charisma und Machtspielen.

Im Verlauf der Prozesse treten unterschiedliche psychologische Bewertungen gegeneinander an.

  • Kelley sieht in den Tätern überwiegend „normale Menschen unter extremen Umständen“
  • Andere, wie der Psychologe Gustave Gilbert, erkennen tiefgreifende moralische Defekte und eine pathologische Struktur

Diese gegensätzlichen Sichtweisen prägen nicht nur die wissenschaftliche Debatte, sondern auch das öffentliche Verständnis der NS-Verbrechen.

12 NÜRNBERG: Hermann Göring (Russell Crowe) bereitet sich auf die Verhandlungen vor. | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Kelleys zentrale Schlussfolgerung ist bis heute verstörend:

Die Verantwortlichen des NS-Regimes waren keine eindeutig „wahnsinnigen Monster“, sondern oft funktionale, intelligente Menschen, die unter bestimmten Bedingungen zu extremen Verbrechen fähig waren.

Diese Erkenntnis stellt eine zentrale Frage in den Raum:
Wie dünn ist die Grenze zwischen Normalität und moralischem Abgrund?

Die Ergebnisse von Kelley geraten zunehmend in den Hintergrund, während andere Interpretationen dominieren. Sein beruflicher und persönlicher Weg endet tragisch: 1958 nimmt er sich das Leben.

Sein Schicksal wird oft als Spiegel der Belastung gesehen, die die Auseinandersetzung mit dem „Bösen im Menschen“ hinterlassen kann.

NÜRNBERG: Douglas M. Kelley (Rami Malek) mit Hermann Göring (Russel Crowe) | Foto: Scott Garfield © Courtesy of Sony Pictures Classics

Die Geschichte von Kelley und den Nürnberger Prozessen inspiriert bis heute künstlerische Auseinandersetzungen. Im Filmprojekt „Nürnberg“ treffen unter anderem Russell Crowe und Rami Malek in einem psychologischen Duell aufeinander, das die Spannung zwischen Gerichtssaal und menschlicher Psyche in den Mittelpunkt stellt.

Regisseur James Vanderbilt fokussiert dabei nicht nur die historischen Ereignisse, sondern vor allem die Frage, wie Macht, Ideologie und persönliche Verantwortung ineinandergreifen.

Die Nürnberger Prozesse waren nicht nur ein juristisches Verfahren, sondern auch ein tiefgreifender Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen. Die Arbeit von Douglas M. Kelley zeigt, dass die Suche nach Erklärungen für historische Verbrechen immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Menschen selbst ist.

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