Mit der Netflix-Serie „On My Block“ gelang Sierra Capri der internationale Durchbruch. Jetzt schlägt die Schauspielerin mit Aaron Sorkins „The Social Reckoning“ ein neues Kapitel ihrer Karriere auf. An der Seite von Mikey Madison, Jeremy Allen White und Jeremy Strong beschäftigt sie sich mit einer der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie viel Macht haben soziale Medien über unser Leben? Im exklusiven Interview mit The Hollywood Reporter Germany spricht Sierra Capri über die Zusammenarbeit mit Aaron Sorkin, ihre persönliche Entwicklung als Schauspielerin und darüber, warum sie sich künftig noch stärker von vertrauten Rollenbildern lösen möchte.
The Hollywood Reporter Germany: „The Social Reckoning“ erzählt eine Geschichte, die auf realen Ereignissen basiert und sich mit dem enormen Einfluss sozialer Medien auf unser modernes Leben beschäftigt. Was hat dich ursprünglich an dem Film gereizt und dazu bewogen, Teil dieser Geschichte zu werden?
Sierra Capri: Mich hat vor allem angesprochen, wie relevant diese Geschichte für die Welt ist, in der wir heute leben. Soziale Medien sind zu einem enorm wichtigen Bestandteil unserer Kommunikation geworden. Sie beeinflussen, wie wir Informationen erhalten und sogar, wie wir uns eine Meinung über Menschen und bestimmte Situationen bilden. Die Möglichkeit, an einer Geschichte mitzuwirken, die dazu anregt, über diesen Einfluss nachzudenken, hat mich sofort fasziniert. Dazu kam die Chance, mit einer so großartigen Besetzung und einem außergewöhnlichen Filmemacher zusammenzuarbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Projekt wichtige Diskussionen anstoßen könnte. Das fand ich unglaublich spannend.
THR: Aaron Sorkin ist für seine präzise, stark dialogorientierte Erzählweise bekannt. Wie war es, mit ihm als Drehbuchautor und Regisseur zusammenzuarbeiten? Hat dich seine Herangehensweise als Schauspielerin auf eine andere Weise herausgefordert?
Sierra Capri: Auf jeden Fall. Aaron hat einen ganz eigenen Rhythmus in seiner Sprache. Man muss wirklich aufmerksam zuhören und vollkommen im Moment bleiben, denn jedes einzelne Wort zählt. Die Zusammenarbeit mit ihm als Autor und Regisseur war eine unglaublich wertvolle Erfahrung. Er weiß ganz genau, was er mit einer Szene erreichen möchte, lässt einem aber gleichzeitig den Freiraum, die eigene Figur darin zu entdecken.Für mich war das definitiv eine neue Art von Herausforderung, denn hinter diesen Dialogen kann man sich nicht verstecken. Man muss wirklich verstehen, was man sagt, was man dabei empfindet und was sich unter der Oberfläche der Worte abspielt.
THR: Der Film erscheint mehr als 15 Jahre nach „The Social Network“ – zu einem Zeitpunkt, an dem sich unser Verhältnis zu sozialen Medien grundlegend verändert hat. Was sagt „The Social Reckoning“ deiner Meinung nach über unsere heutige Gesellschaft aus?
Sierra Capri: Ich glaube, der Film zeigt, wie viel komplexer unsere Beziehung zu sozialen Medien inzwischen geworden ist. Es geht längst nicht mehr nur darum, Fotos zu posten oder mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Diese Plattformen können beeinflussen, wie Menschen die Welt verstehen, welchen Informationen sie vertrauen und sogar, wie sie sich selbst wahrnehmen.Ich denke, der Film ermutigt uns dazu, einen Moment innezuhalten und uns bewusst zu machen, wie viel Macht diese Plattformen mittlerweile über unseren Alltag haben.
THR: Du bist Teil eines Ensembles, zu dem unter anderem Mikey Madison, Jeremy Allen White, Jeremy Strong und Wunmi Mosaku gehören. Was hast du aus der Zusammenarbeit mit Schauspielern mit so unterschiedlichen Hintergründen und Herangehensweisen mitgenommen?
Sierra Capri: Es war wirklich eine unglaubliche Lernerfahrung. Jeder hat etwas völlig Eigenes ans Set mitgebracht. Ich fand es faszinierend zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Schauspieler an ihre Figuren und Szenen herangehen.Wenn man von Schauspielern auf diesem Niveau umgeben ist, lernt man ganz automatisch, indem man einfach aufmerksam ist und genau hinschaut. Diese Erfahrung hat mich auch daran erinnert, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, sich einer Rolle zu nähern. Jeder hat seinen eigenen Prozess, und das zu erleben, war unglaublich inspirierend.
THR: Da die Geschichte von realen Ereignissen inspiriert ist: Hast du dich anders auf deine Rolle vorbereitet als bei einem rein fiktionalen Projekt?
Sierra Capri: Definitiv. Wenn man weiß, dass hinter einer Geschichte reale Menschen und tatsächliche Ereignisse stehen, bringt das eine zusätzliche Verantwortung mit sich. Mir war wichtig, die Welt, in der die Geschichte spielt, wirklich zu verstehen und mich meiner Figur mit einer klaren Absicht zu nähern, anstatt nur darüber nachzudenken, was dramaturgisch am besten funktionieren könnte.Gleichzeitig musste ich mir als Schauspielerin den Freiraum geben, vollständig in meine Figur einzutauchen und die Geschichte zu erzählen. Es ging darum, die richtige Balance zu finden: die realen Hintergründe zu respektieren und innerhalb des Films trotzdem etwas Wahrhaftiges zu erschaffen.

THR: Der Film beschäftigt sich mit Macht, Verantwortung und der Frage, was passiert, wenn Einzelne beschließen, sich gegen mächtige Institutionen zu stellen. Hat die Arbeit an dem Film deine persönliche Sicht auf soziale Medien oder auf die Informationen, die wir online konsumieren, verändert?
Sierra Capri: Die Arbeit hat mir auf jeden Fall bewusster gemacht, wie schnell wir heutzutage Informationen konsumieren. Ich glaube, wir alle neigen manchmal dazu, etwas online zu sehen und es sofort als Tatsache zu akzeptieren oder uns eine Meinung zu bilden, bevor wir uns wirklich näher damit beschäftigt haben.Der Film hat mich daran erinnert, bewusster innezuhalten, Fragen zu stellen und darüber nachzudenken, woher Informationen eigentlich stammen. Soziale Medien können ein unglaubliches Werkzeug sein. Aber mit diesem Zugang geht meiner Meinung nach auch die Verantwortung einher, sorgfältig darüber nachzudenken, welche Inhalte wir konsumieren und weiterverbreiten.
THR: Das Publikum hat dich erstmals durch „On My Block“ kennengelernt. Wenn du heute auf deine bisherige Karriere blickst: Wie haben sich deine Prioritäten bei der Auswahl von Rollen und Projekten verändert?
Sierra Capri: Als ich mit „On My Block“ angefangen habe, war ich noch jünger und dabei, herauszufinden, wer ich als Schauspielerin eigentlich sein möchte. Diese Erfahrung hat mir unglaublich viel gegeben. Aber je älter ich geworden bin, desto bewusster entscheide ich, welche Geschichten ich erzählen möchte.Mich interessieren Figuren, die mich herausfordern und mir die Möglichkeit geben, unterschiedliche Seiten von mir zu zeigen. Ich möchte nicht auf einen bestimmten Typ festgelegt werden. Ich will mich weiterentwickeln, Risiken eingehen und Menschen überraschen – auch mich selbst.
THR: Gibt es etwas an deiner Rolle in „The Social Reckoning“, das dem Publikum eine bisher unbekannte Seite von dir als Schauspielerin zeigen könnte?
Sierra Capri: Das hoffe ich sehr. Ich glaube, dieses Projekt hat mir die Möglichkeit gegeben, eine reifere und geerdetere Seite von mir zu zeigen. Seit „On My Block“ habe ich mich sowohl persönlich als auch als Schauspielerin stark weiterentwickelt. Und ich denke, das Publikum wird diese Veränderung spüren können.Ich freue mich darauf, dass die Menschen mich in einem anderen Umfeld erleben und hoffentlich erkennen, dass noch viele Facetten in mir stecken, die ich bisher gar nicht zeigen konnte.
THR: Deine Karriere entwickelt sich zunehmend über die Rollen hinaus, durch die dich das Publikum ursprünglich kennengelernt hat. Welche Filmemacher, Geschichten oder Figuren interessieren dich für deine nächsten Projekte besonders?
Sierra Capri: Mich interessieren vor allem Filmemacher mit einer klaren eigenen Handschrift und Geschichten, die Menschen emotional berühren oder sie dazu bringen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.Was meine Rollen betrifft, möchte ich mich weiterhin in Bereiche vorwagen, die vielleicht unerwartet erscheinen. Ich würde gerne noch komplexere Frauenfiguren spielen – Charaktere, die nicht unbedingt leicht zu verstehen sind, und Rollen, die es mir ermöglichen, vollkommen in einem anderen Menschen aufzugehen.Ich bin gerade an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich immer wieder aufs Neue herausfordern möchte.
THR: „The Social Reckoning“ behandelt Themen, die weit über die Vereinigten Staaten hinausgehen. Was wünschst du dir, dass das internationale Publikum, insbesondere auch die Zuschauer in Deutschland, aus dem Film und den dadurch angestoßenen Diskussionen mitnimmt?
Sierra Capri: Ich glaube, genau darin liegt eine der größten Stärken dieser Geschichte. Auch wenn die Ereignisse und Institutionen im Film in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld verwurzelt sind, sind die Fragen, die er aufwirft, universell. Denn soziale Medien verbinden uns alle miteinander.Ich hoffe, dass die Zuschauer nach dem Film etwas kritischer über die Informationen nachdenken, die sie konsumieren, über die Macht, die sie diesen Plattformen geben, und über ihre eigene Beziehung zur Technologie.Und ich hoffe, dass der Film Gespräche anstößt. Denn diese Diskussionen sind unglaublich wichtig – ganz gleich, in welchem Teil der Welt man den Film sieht.

