Christian Schwochow interessieren Geschichten dort am meisten, wo einfache Antworten aufhören. Der vielfach ausgezeichnete Regisseur sucht in seinen Figuren nach Widersprüchen, Verletzungen und psychologischen Abgründen – und nach Stoffen, die ihn selbst herausfordern. Seine neue Thrillerserie „Last Seen“, gedreht im australischen Victoria, bietet dafür reichlich Raum. Im Gespräch mit The Hollywood Reporter Germany spricht Schwochow über Hoffnung und Obsession, die Arbeit mit seinen Schauspielern, seine intensive Recherche und darüber, warum ihn an einem Thriller weit mehr interessiert als die Spannung allein. „Last Seen“ erscheint ab 9. September auf Apple TV.

THR: Ian Ridley weigert sich seit elf Jahren zu akzeptieren, dass seine Tochter möglicherweise nicht mehr lebt. Wo verläuft für dich bei dieser Figur die Grenze zwischen Hoffnung und Obsession?
Christian Schwochow:Die Tochter der Hauptfigur Ian wurde vor vielen Jahren entführt und ist nie gefunden worden. Ich habe mich intensiv mit Familien beschäftigt, die Opfer einer Entführung geworden sind.
Was sich diese Menschen nach Jahren der Unsicherheit häufig wünschen, ist ein Abschluss. Die Ungewissheit ist das Schlimmste.
Ian ist anders. Er zieht die Ungewissheit einem endgültigen Abschluss vor – zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Genau das macht ihn aus: diese Obsession und gleichzeitig die Hoffnung, die untrennbar damit verbunden ist. Gleichzeitig sehen wir bereits in der ersten Folge, wie sehr ihn all das zerstört hat. Er kämpft mit seinen Dämonen und hat keinen wirklich gesunden Umgang mit seinem Schmerz gefunden. Es ist eine Figur, bei der ich das Gefühl habe, dass ihr deutlich mehr Therapie gutgetan hätte.
Bei Ian verschwimmt die Grenze zwischen Hoffnung und Obsession eigentlich permanent. Die Hoffnung ist immer da, aber ebenso die Obsession, die ihn auf Abwege führt. Genau darin liegt für mich auch der Reiz dieser Figur: Er ist keine rein positive Heldenfigur. Er ist ein Getriebener – und gleichzeitig ein schwer verletzter Mensch.
THR: War dir am Ende wichtiger, dass der Zuschauer unbedingt wissen will, was wirklich mit Maggie passiert ist oder dass er versteht, was diese jahrelange Ungewissheit mit einem Menschen macht?
CS: Beides. Das großartige an dieser Geschichte ist, dass sie ein Thriller im besten Sinne ist: mit sehr viel Spannung, vielen Wendungen und einer enormen inneren Geschwindigkeit. Gleichzeitig entsteht all das aus den Figuren heraus. Es ist kein Thriller, der rein handwerklich am Reißbrett konstruiert wurde. Die Spannung und die Wendungen ergeben sich aus der Psychologie der Figuren.
Genau das ist es, was dieses Genre für mich so interessant macht: dass wir im besten Sinne mit menschlicher Psychologie und ihren Abgründen konfrontiert werden. Das betrifft Ian und Henry besonders, lässt sich aber eigentlich auf alle Figuren übertragen. Im Grunde hat jede Figur in dieser Serie auf irgendeine Art Schuld auf sich geladen. Gleichzeitig sind sie schwer verletzt und traumatisiert.
Meine Hoffnung ist deshalb, dass man als ZuschauerIn einerseits unbedingt wissen möchte: Was ist mit diesem Kind passiert? Gleichzeitig soll einen aber auch interessieren, wie sich jede einzelne Figur entwickelt. Wohin führt ihre Reise? Und ich hoffe, dass es bis zum Ende spannend bleibt, diesen unterschiedlichen Reisen zu folgen.
THR: Wie übersetzt du Themen wie Verlust, Schuld und Obsession visuell? Gab es von Anfang an eine bestimmte Bildsprache, die du für „Last Seen“ im Kopf hattest, oder hat sie sich erst während der Produktion entwickelt?
CS: Das ist immer ein Prozess. Ich war vorher noch nie in Australien und wollte das Land selbst wie eine Figur behandeln und zwar wie eine ambivalente Figur. Australien ist voller Widersprüche und Gegensätze und das wollte ich einfangen.
Die Drehbücher waren stark auf Dialogen aufgebaut und haben dadurch viel Raum für Visualität gelassen. Die Kamerafrau Bonnie Elliott, der Production Designer Chris Kennedy und ich haben sehr früh ein zentrales Motiv entwickelt: Es ist die Geschichte zweier Väter, die sich stark voneinander unterscheiden. Ian ist in der Welt des Meeres, der Küste zu Hause, Henry in der Welt des Waldes. Wir haben unter uns vom „Ocean Dad“ und vom „Forest Dad“ gesprochen.
Diese beiden Welten haben eine starke Motivik vorgegeben. Sowohl der Ozean als auch der Wald besitzen in Australien etwas Unendliches. Im Wald gibt es diese unfassbar hohen Bäume und unglaublich viele Geheimnisse, allein durch die Natur entsteht das Gefühl, dass überall etwas versteckt oder verborgen sein könnte. Das Meer wiederum besitzt diese unendliche Weite, aber gleichzeitig auch einen unendlichen Abgrund. Das waren gewissermaßen unsere Überschriften, aus denen sich schließlich auch eine Bildsprache entwickelt hat.
Wir haben versucht, solche Motive für jede einzelne Figur zu finden und gleichzeitig mit den übergeordneten Motiven der Serie zu verbinden. Sarah zum Beispiel hat eine sehr eigene visuelle Welt bekommen, unter anderem durch das Vergraben von Tierkörpern, die sie später wieder ausgräbt. Es gibt unglaublich viele solcher Motive.
Aber es war tatsächlich ein Prozess. Ich komme nie mit einer fertig entwickelten Bildsprache in eine Produktion und in diesem Fall wäre das ohnehin unmöglich gewesen, weil ich das Land vorher nicht kannte.
Mich haben beispielsweise Texturen sehr interessiert. Ich habe Bonnie schon sehr früh gesagt:
Lass uns unterschiedliche Oberflächen und Materialien finden. Irgendwann begann sie,
Blätter und Baumrinden zu sammeln und mitzubringen. Wir haben dann sehr genau geschaut, welche Textur sich in welcher Szene, welchem Motiv und bei welcher Figur wiederfindet. In diese Details haben wir sehr viel Zeit investiert, um eine wirklich eigene Form für die Serie zu entwickeln.
THR: Die Serie wurde komplett im australischen Bundesstaat Victoria gedreht. Wie stark hat Australien die visuelle Identität und Atmosphäre der Geschichte geprägt?
CS: Für mich ist Australien die heimliche Hauptfigur der Serie. Ich wollte auf keinen Fall wie ein Tourist dorthin kommen. Zu allen, mit denen ich die Serie gemacht habe, habe ich gesagt: Mich interessiert euer Australien. Bringt mich an eure Orte.
Wir sind viele Wochen einfach durch das Land gefahren. Die Produktion hat dabei manchmal einen Schreck bekommen, weil ich natürlich immer wieder Orte gefunden habe, die nicht besonders produktionsfreundlich waren, weil dort schlicht keine Menschen und keine Infrastruktur waren. Gleichzeitig hatten wir dadurch die Möglichkeit, an Orten zu drehen, an denen vorher noch niemand gedreht hatte.
Ich wollte die raue Seite Australiens zeigen, aber gleichzeitig auch die Poesie, die man manchmal erst entdeckt, wenn man sehr genau hinschaut. Für mich ist dieser Ort deshalb, überhaupt nicht austauschbar. Ich würde niemals sagen: Diese Geschichte hätten wir genauso gut in Thailand erzählen können. Für mich ist das eine australische Serie mit australischen Figuren.
Wir haben uns deshalb auch intensiv damit beschäftigt, wie Menschen in Australien mit
Gefühlen umgehen, oder eben nicht umgehen. Für unsere Recherche haben wir beispielsweise Meetings der Anonymen Alkoholiker in Australien besucht. Uns ging es darum, wirklich zu verstehen, was diese Figuren erlebt haben und mit sich tragen, und das möglichst spezifisch australisch zu erzählen.
THR: Patrick Brammall muss als Ian sehr viel über sein Inneres erzählen. Wie arbeitest du mit einem Schauspieler an einer Figur, deren emotionaler Zustand häufig wichtiger ist als das, was sie tatsächlich sagt?
CS: So arbeite ich eigentlich grundsätzlich. Natürlich ist der Plot einer Serie oder eines Films wichtig, aber ich komme immer von der Psychologie. Ich möchte wissen: Was treibt eine Figur an? Wo liegen ihre Schmerzpunkte? Was ist ihr Motor? Woher kommen ihre Obsession, ihr Verlust, ihre Verletzungen?
Darüber führe ich sehr lange Gespräche. Patrick war der erste Schauspieler, den wir für die
Serie besetzt haben. Wir haben uns oft getroffen und sehr viel gesprochen, oft wirklich Szene für Szene: Welche Möglichkeiten hat diese Szene? Wie weit gehen wir emotional? Wo halten wir etwas zurück?
Es ist ein permanenter Austausch über die Figur, allerdings nicht nur mit Patrick, sondern mit dem gesamten Ensemble. Wir haben uns häufig auch nach einem Drehtag noch getroffen, um zu proben oder die kommende Woche zu besprechen und gemeinsam herauszufinden, was noch in den Szenen steckt.
Patrick ist selbst Vater zweier Kinder, und wir haben das Thema sehr nah an uns herangelassen. Gleichzeitig haben wir intensiv recherchiert. Ich komme ursprünglich aus dem Journalismus, und diese Arbeitsweise habe ich mir auch für meine Filmarbeit bewahrt.
Wir haben uns beispielsweise mit Therapeuten getroffen, die im wirklichen Leben schwer traumatisierte Menschen behandeln, wie wir sie in unserer Serie erzählen. Wir haben sie zu Proben eingeladen und lange Gespräche mit ihnen geführt. Denn natürlich kennt man als Vater oder Mutter die Angst um sein Kind. Aber wenn man eine solche Situation selbst nicht erlebt hat, muss man Wege finden, sich ihr anzunähern.
Die Arbeit mit den Traumatherapeuten hat uns dabei enorm geholfen und inspiriert. Das Schöne war, dass wir sie auch während der Dreharbeiten immer wieder anrufen konnten. Genauso haben wir uns intensiv mit dem Umfeld der Anonymen Alkoholiker beschäftigt: Wie funktioniert ein solches Programm? Welche Schritte gibt es? Und vor allem: Durch welche Hölle ist ein Mensch möglicherweise gegangen, bevor er überhaupt bei den Anonymen Alkoholikern ankommt?
Diese Vorbereitung haben wir gemeinsam gemacht und sie hat mit Beginn der Dreharbeiten nicht aufgehört. Wir haben bis zum Ende weiter recherchiert und gearbeitet.
THR: Besteht bei einer solchen Geschichte auch die Gefahr, dass man das Thema zu nah an sich heranlässt gerade wenn man selbst Vater ist und sich so intensiv mit realen Schicksalen beschäftigt?
CS: Ich kann das nicht allgemein beantworten, sondern nur für mich. Ich gehe tatsächlich ziemlich tief hinein. Und manchmal merke ich: Jetzt entsteht eine Schwere, aus der ich auch wieder herauskommen muss.
Diese Gefahr ist mir bewusst. Ein solches Thema ist emotional sehr erschöpfend. Hundert Tage lang etwas zu drehen, in dem so viel Schmerz steckt, hinterlässt Spuren. Mir fällt es manchmal schwer, nach einem solchen Drehtag nach Hause zu gehen und das einfach abzustreifen. Aber auch das ist ein Prozess. Ich muss immer wieder lernen, wie wichtig es ist, auch wieder herauszukommen.
THR: Was muss ein Stoff heute für dich haben, damit du bereit bist, ein oder zwei Jahre deines Lebens damit zu verbringen und vollkommen in diese Welt einzutauchen?
CS: Ich brauche etwas, an das ich emotional sofort andocken kann. Und ich muss selbst neugierig sein, was ich alles mit dieser Geschichte Neues entdecken und erzählen kann. Ein Stoff muss mich zunächst einmal überfordern und diese Überforderung kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden.
Er muss mir Fragen stellen, auf die ich keine Antworten habe, die mich aber selbst beschäftigen. Fragen, bei denen ich weiß: Die werden mich auch noch in ein oder zwei Jahren umtreiben. Ich werde sie nicht so schnell beantworten können.
Im Idealfall gibt es mehrere Figuren, die Konflikte miteinander austragen, bei denen es keine eindeutige Bewertung gibt: Wer hat recht und wer hat unrecht? So ist es schließlich auch im Leben.
Mich interessieren psychologische Tiefen und Untiefen. Die konkreten Themen können dabei sehr unterschiedlich sein, das möchte ich gar nicht eingrenzen. Aber wenn ein Stoff diese Ebene nicht besitzt, merke ich schnell, dass ich der Falsche dafür bin. Wenn etwas nur unterhalten oder nur spannend sein möchte, fehlt mir etwas. Ich brauche immer etwas Tieferes und im besten Fall etwas, das mich überfordert.

