„In the Heart of the South“ will die Erzählweise indigener Filmschaffender verändern

Nyla Innuksuks übernatürlicher Thriller, der sich auf eindringliche Weise mit Trauma und Tragödie auseinandersetzt, wird diese Woche beim Vancouver International Film Festival gezeigt.

Nyla Innuksuks übernatürlicher Thriller In the Heart of the South ist der jüngste kanadische Independentfilm, der versucht, die Deutungshoheit über indigene Geschichten und deren Darstellung im Kino zurückzugewinnen.

„Von der Außenwelt wurde uns ständig vorgeschrieben, wer wir sind. Und wir sitzen hier, gehen daran zugrunde und versuchen immer wieder zu sagen: ‚Bitte hört uns zu!‘“, sagt die in Iqaluit geborene Innuksuk im Gespräch mit The Hollywood Reporter beim Vancouver International Film Festival. Dort wird am Sonntag ihr zweiter Spielfilm gezeigt, der sich damit auseinandersetzt, wie das Leid indigener Menschen von einer von Weißen dominierten Unterhaltungsindustrie ausgebeutet wird.

In the Heart of the South erzählt von Yura Ivalu, einer jungen Inuk-Künstlerin, gespielt von Anna Lambe (True Detective), die die Kunstszene Torontos im Sturm erobert. Doch als ihr ein großer Filmdeal angeboten wird, gerät Ivalu zwischen die Welten: Der kanadische Independentproduzent The Quiet Loud drängt sie dazu, ein Kindheitstrauma wieder hervorzuholen, um damit die späteren Einnahmen an den Kinokassen zu steigern.

Ivalus künstlerische Ambitionen geraten vollends außer Kontrolle, als ihre entfremdete Jugendfreundin Sesi, gespielt von Zorga Qaunaq, in Toronto auftaucht und ihre glamouröse Partyszene und ihre Filmpläne durcheinanderbringt. Innuksuk macht anhand von Ivalu das moralische Dilemma deutlich, vor dem sie und andere indigene Filmschaffende stehen: Von tief sitzenden Ängsten geplagt, muss Ivalu sich entscheiden, ob sie jene Geschichten über Trauma und Tragödien erzählt, die in der kanadischen Filmindustrie gefragt sind, oder ob sie koloniale Stereotype hinter sich lässt und ihre Inuit-Gemeinschaft und deren Legenden authentisch und wahrhaftig darstellt.

„Dass andere Leute uns vorschreiben wollen, welche Geschichten wir erzählen sollen – also bitte. Ihr erzählt unsere Geschichten doch schon seit Ewigkeiten“, sagt Innuksuk über die Filmbranche insgesamt. Das moralische Dilemma, das In the Heart of the South zugrunde liegt, wird noch verschärft, als The Quiet Loud droht, Ivalus indigene Stimme an sich zu reißen, während Sesi ihr vorwirft, ihre Wahrheit gestohlen zu haben – die Wahrheit darüber, was geschah, als die beiden als Kinder während eines Schneesturms in Iqaluit in Kälte und Dunkelheit verschwanden.

„Sesi möchte einfach, dass [Ivalu] ihre Geschichte endlich auf eine Weise erzählt, die der Wahrheit entspricht – ohne dass sie dieses perfekte Opfer ist. Vielleicht ist das sogar eine Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten, das perfekte Opfer zu spielen. Und vielleicht ist auch das nur eine weitere Inszenierung“, sagt Innuksuk über ihren zweiten Spielfilm, den sie wie bereits ihr Debüt Slash/Back gemeinsam mit Ryan Cavan geschrieben hat.

Die Ironie der miteinander verbundenen Traumata, mit denen Ivalu und Sesi konfrontiert sind: Lambe und Qaunaq spielen beide auch in der von Inuit getragenen Netflix- und CBC-Comedyserie North of North mit – einer beliebten Serie über eine eng verbundene Inuit-Gemeinschaft in Nunavut, die inzwischen für eine zweite Staffel verlängert wurde.

Doch das ist eine Komödie. In In the Heart of the South wurzeln die Motive der beiden Hauptfiguren Ivalu und Sesi in den weit verbreiteten Traumata, die Gemeinschaften wie Nunavut und indigene Bevölkerungsgruppen in ganz Kanada geprägt haben. „Jeder Mensch ist auf unterschiedliche Weise von der Kolonisierung betroffen, insbesondere vom System der Residential Schools“, erklärt Innuksuk.

Viele kanadische Filme indigener Filmschaffender spielen vor dem Hintergrund des berüchtigten Residential-School-Systems des Landes. Rund 150.000 Kinder indigener Gemeinschaften – darunter auch Innuksuks eigener Vater – wurden ihren Familien weggenommen und gezwungen, Schulen zu besuchen, die von der kanadischen Bundesregierung und der katholischen Kirche betrieben wurden.

Angesichts der Tatsache, dass dokumentierte Aussagen von 38.000 Überlebenden der kanadischen Residential Schools im Jahr 2027 aus Datenschutzgründen vernichtet werden sollen und zugleich die Leugnung des Residential-School-Systems zunimmt, warnt Innuksuk davor, dass indigene Geschichte und Wahrheit verloren gehen könnten.

Sie fügt jedoch hinzu, dass es nicht ihre Aufgabe als Filmemacherin sei, einen Film zu drehen, der sich auf das Trauma der Residential Schools konzentriert. Stattdessen fühlt sich Innuksuk weiterhin zum Horror-Genre hingezogen, weil es ihr ermöglicht, Metaphern, Monster und Dunkelheit einzusetzen, um unbequeme Wahrheiten zum Gegenstand von Gesprächen mit dem Publikum zu machen.

Zugleich kann sie sich damit von den Erwartungen der kanadischen Filmbranche lösen, mit denen auch Ivalu in ihrem Film konfrontiert wird. „Wenn ich innerhalb kanadischer Institutionen arbeite, hatte ich oft das Gefühl, dass sie einfach sagen können wollten, dass sie mit einer Inuk-Regisseurin zusammenarbeiten“, erklärt Innuksuk.

Damit steht sie in der Tradition von Zacharias Kunuks Atanarjuat: The Fast Runner, der 2001 in Cannes mit der Caméra d’Or ausgezeichnet wurde. Der Film wurde vollständig in Inuktitut geschrieben, inszeniert und gespielt – auch Innuksuks Vater wirkte mit – und löste eine weltweite Bewegung im indigenen Filmschaffen aus.

Kunuk lebt in Igloolik, wo Innuksuk aufwuchs. „Das sind Menschen, die ich kenne, und es war großartig zu sehen, wie Zach seine Geschichte auf seine Weise erzählen konnte“, erinnert sie sich. Atanarjuat basiert auf einer alten Inuit-Legende.

Während sich Innuksuks Karriere als Genrefilmemacherin weiterentwickelt und sie dabei breite Unterstützung aus der kanadischen Filmbranche und von deren wichtigsten Förderinstitutionen erhält, betont sie, dass auch sie das Privileg hatte, ihre künstlerische Stimme zum Ausdruck zu bringen.

Sie sagt: „Etwas erzählen zu können, ohne dass es bearbeitet wird oder einem gesagt wird, es sei zu dies oder zu das – das ist Freiheit. Die Freiheit, sprechen zu können und gehört zu werden.“

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