Das Kinopublikum sendet Hollywood im Jahr 2026 eine klare Botschaft: Wir wollen, dass Filme echt aussehen – und dass man sieht, wie viel Arbeit in ihrer Entstehung steckt.
Die bislang größten Überraschungserfolge an den Kinokassen stammen von Produktionen, die auf klassische Filmhandwerkskunst setzen. Ihre Regisseure gingen die Extrameile, um originelle Filmwelten zu erschaffen, die greifbar, glaubwürdig und real wirken.
Im Gegensatz dazu mussten mehrere enttäuschende Franchise-Filme – eigentlich mit einem eingebauten Publikumsvorteil – Kritik einstecken, weil sie übermäßig künstlich aussahen.
The Odyssey (bisher 264 Millionen US-Dollar), Project Hail Mary (683 Millionen), Backrooms (384 Millionen) und Obsession (442 Millionen) setzten nicht nur stark auf praktische Effekte, sondern machten diesen klassischen Produktionsansatz auch zu einem zentralen Bestandteil ihrer Marketingkampagnen.
Die Project Hail Mary-Regisseure Phil Lord und Christopher Miller sorgten viral für Aufmerksamkeit, als sie betonten, weitgehend ohne Greenscreens gearbeitet und stattdessen Puppeneffekte eingesetzt zu haben – auch wenn selbstverständlich weiterhin umfangreiche CGI zum Einsatz kam.
Christopher Nolan und die Besetzung von The Odyssey sprachen ausführlich über die enormen Anstrengungen, an schwer zugänglichen Originalschauplätzen zu drehen. Nolan verzichtete bewusst auf digitale Set-Erweiterungen – während viele andere Regisseure wohl versucht gewesen wären, etwa Ithaka mithilfe von CGI größer und dichter besiedelt wirken zu lassen.
Selbst mit einem Budget von lediglich zehn Millionen Dollar errichtete das Team von Backrooms umfangreiche physische Kulissen und setzte überall dort auf praktische Effekte, wo es möglich war. Und als Curry Barker Obsession für gerade einmal 750.000 Dollar drehte, musste er schon aus Budgetgründen kreative praktische Lösungen für seine Schockmomente finden – nicht nur aus persönlicher Vorliebe.
Nolan sagte dazu:
„Ich bin definitiv an die Grenzen meiner eigenen Ausdauer und der Ausdauer aller Beteiligten gegangen. Es ist schließlich The Odyssey – natürlich muss das schwierig sein. Wenn sich ein Film wie The Odyssey bei der Produktion nicht schwierig anfühlt, dann machen wir unseren Job nicht richtig.“
Vielleicht dachte Nolan dabei allerdings zu eng.
Die eigentliche Lehre könnte lauten: Jeder Kinofilm sollte schwierig zu produzieren sein, wenn man die Menschen dazu bewegen will, ihr Zuhause zu verlassen und ins Kino zu gehen. Gerade nach den zahlreichen Star Wars– und Marvel-Serien auf Disney+ wirkt ein weiterer Franchise-Film, der größtenteils auf einer Volume-Bühne entsteht, eher wie Streaming-Ware als wie ein Film, für den man ein IMAX-Ticket kauft.
Es dürfte zudem kein Zufall sein, dass das Publikum gerade in dem Jahr verstärkt auf handwerkliche Authentizität reagiert, in dem KI-generierte Massenware zunehmend verspottet wird.
Die Trailer zu den Kassenflops Masters of the Universe, Supergirl, Star Wars: The Mandalorian and Grogu und Moana wirkten für viele Zuschauer schlicht künstlich.
Supergirl wurde wegen seiner Effekte und seiner generischen Action kritisiert. Moana sollte eine Realverfilmung sein – doch auf den ersten Blick ließ sich das kaum erkennen.
Nachdem Project Hail Mary wegen seiner praktischen Effekte große Aufmerksamkeit erhalten hatte, veröffentlichte auch das Team von The Mandalorian and Grogu ein Video nach dem Motto: „Das haben wir übrigens auch gemacht!“, in dem die Puppeneffekte des Films hervorgehoben wurden. Die Trailer und veröffentlichten Szenen wirkten jedoch weiterhin stark mit CGI überzogen.
Natürlich werden Zuschauer Avengers: Doomsday dennoch in Scharen sehen und wahrscheinlich neue Kassenrekorde aufstellen. Doch selbst der am 20. Juli veröffentlichte Trailer dieses mit Spannung erwarteten Films wurde kritisiert, weil viele Szenen so aussahen, als stünden die Schauspieler lediglich auf einer Studiobühne.
Ein viraler Reddit-Kommentar fragte spöttisch:
„Findet noch jemand, dass das aussieht, als wäre es in einem Besenschrank gedreht worden?“
Ein Influencer schrieb:
„Das Superheldengenre lebt vom Spektakel – und das hier fühlt sich einfach nicht mehr wie Spektakel an.“
Früher interessierten sich hauptsächlich Cineasten dafür, wie ein Film entstanden war.
Heute, in einer Zeit, in der praktisch jeder mithilfe von KI per Texteingabe einen Kurzfilm erzeugen kann, gewinnt die Entstehungsgeschichte eines Films selbst an Bedeutung. Besonders dann, wenn sie von echtem körperlichem Einsatz erzählt – etwa wenn Hollywoodstars jeden Drehtag 45 Minuten zu einer italienischen Festung hinaufwandern müssen, um Szenen für The Odyssey zu drehen.
Bis zu einem gewissen Grad liebte das Publikum schon immer Geschichten über Filmschaffende, die für ihre Kunst litten.
David Lean drehte Lawrence von Arabien fast vollständig in den erbarmungslosen Wüsten Jordaniens, Marokkos und Spaniens. Steven Spielberg brachte sich bei Der weiße Hai beinahe selbst um den Verstand – und fast um seinen Job. James Cameron riskierte mit Titanic beinahe seine Karriere.
Der Unterschied besteht darin, dass diese Produktionsgeschichten erst nach dem Erfolg der Filme berühmt wurden.
Heute reicht es nicht mehr, nur eine gute Geschichte zu erzählen. Man muss auch eine gute Geschichte darüber erzählen, wie diese Geschichte entstanden ist.
Die Kehrseite dieser Entwicklung ist der bemerkenswerte Aufschwung originärer Filme außerhalb etablierter Franchises.
Im vergangenen Jahr basierten zwölf der dreizehn erfolgreichsten Filme an den nordamerikanischen Kinokassen auf bereits bestehenden Marken – also Franchises, Fortsetzungen, Videospielverfilmungen oder ähnlichen Vorlagen. Sinners war die einzige Ausnahme.
2026 zeigt sich bislang jedoch ein völlig anderes Bild.
Aktuell stammen fünf der zehn erfolgreichsten Filme des Jahres aus keiner bestehenden Filmreihe – und The Odyssey dürfte sich dieser Gruppe schon bald anschließen.
Hollywood-Trends auszurufen, bleibt allerdings riskant. Der Erfolg eines Films hängt immer von vielen Faktoren ab, und gerade wenn man glaubt, einen grundlegenden Wandel erkannt zu haben, kehrt die Branche oft zu alten Mustern zurück.
Verwandelt sich die viel diskutierte Superheldenmüdigkeit tatsächlich in eine allgemeine Franchise-Müdigkeit?
Dafür ist es noch zu früh.
Doch die Anzeichen sprechen derzeit eine recht deutliche Sprache:
Kinobesucher strömen in Scharen in Filme, die eigenständige Geschichten erzählen, von leidenschaftlichen Filmemachern stammen und sich spürbar wie handgefertigte, echte Kinoerlebnisse anfühlen.

