SOPHIA LAUTON Insights: Sahar Essmann über Persönlichkeit statt Trends

Sahar Essmann spricht über die Zukunft von Interior Design, modernes Leadership und die Herausforderung, ein traditionsreiches Familienunternehmen neu auszurichten.

Interior ist längst mehr als schöne Möbel und perfekt kuratierte Räume. Es geht um Atmosphäre, Persönlichkeit und darum, wie Menschen leben möchten. Genau an dieser Schnittstelle bewegt sich Sahar Essmann. Als CEO eines traditionsreichen Familienunternehmens im Living- und Interior-Bereich verantwortet sie heute nicht nur Wachstum und Strategie, sondern auch eine neue Vision: Handwerk, Kreativität und modernes Unternehmertum miteinander zu verbinden.
Was sie an ihrer Rolle besonders reizt, ist genau dieses Spannungsfeld zwischen Bewahren und Verändern. Als sie ins Unternehmen kam, habe sie schnell gespürt, welches Potenzial bereits vorhanden sei – aber auch, dass vieles über Jahre organisch gewachsen und kaum strategisch weiterentwickelt worden sei. „Ich habe etwas unglaublich Wertvolles übernommen, aber es war auch ein Stück weit eingestaubt“, erzählt Essmann offen. Ihre Aufgabe sehe sie deshalb nicht darin, alles neu zu erfinden, sondern Bestehendes zu ordnen, weiterzudenken und fit für die Zukunft zu machen.

Sahar Essmann: „Bei uns kauft man nicht unseren Stil – sondern seinen eigenen.“ | Foto: @sophialauton

Dabei spielt Unternehmertum für sie eine ebenso große Rolle wie Ästhetik. Wachstum, Struktur und Prozesse gehören für Essmann genauso selbstverständlich zum Alltag wie kreative Entscheidungen. Das Unternehmen sei über Jahrzehnte erfolgreich gewesen, doch gerade Traditionsbetriebe müssten lernen, sich bewusst weiterzuentwickeln. „Nur weil etwas seit Jahrzehnten funktioniert, heißt das nicht, dass man nichts verändern darf“, sagt sie sinngemäß. Vielmehr gehe es darum, ein bestehendes Fundament in die nächste Generation zu führen – mit Zeitgeist, digitalen Ideen und einer klareren Markenidentität.
Besonders bemerkenswert: Während viele Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Stellen abbauen, wächst das Team weiter. Rund 35 Mitarbeitende arbeiten inzwischen unter einem Dach – von Handwerk bis Buchhaltung – weitere Einstellungen sind bereits geplant. Der große Vorteil: nahezu alle Gewerke befinden sich im eigenen Haus. Das ermöglicht eine außergewöhnliche Flexibilität und kurze Entscheidungswege. „Wir müssen nichts groß koordinieren oder an externe Dienstleister abgeben. Wenn etwas gebraucht wird, setzen wir es um“, erklärt Essmann.
Genau dieses „Alles ist möglich“-Gefühl prägt auch ihre Designphilosophie. Anders als viele Interior-Designer, die ihre eigene Handschrift konsequent über jedes Projekt legen, steht bei Essmann der Kunde im Mittelpunkt. „Bei uns kauft man nicht unseren Stil – sondern seinen eigenen“, beschreibt sie den Ansatz. Interior müsse nicht perfekt instagrammable sein, sondern persönlich. Mut spiele dabei eine große Rolle. Viele Kunden würden zunächst auf Sicherheit setzen – neutrale Farben, wenig Risiko. Der eigentliche kreative Prozess beginne oft erst dann, wenn Menschen sich trauen, neue Wege zu gehen. Vielleicht mit einer mutigen Tapete, ungewöhnlichen Farben oder Details, die zunächst außerhalb der Komfortzone liegen.

v.l.n.r.: Sahar Essmann und Sophia Lauton: „Wir brauchen keine starren Konzepte, sondern Menschen, die Kunden wirklich verstehen.“ | Foto: @sophialauton

Dass Interior dabei auch emotional sein darf, zeigt sich selbst in ungewöhnlichen Projekten. Für ein eigenes Event ließ das Team etwa Kleidungsstücke aus Polsterstoffen anfertigen – ein kreativer Brückenschlag zwischen Handwerk und Mode, der bei Gästen und internationalen Markenvertretern für Aufmerksamkeit sorgte. Für Essmann ein schönes Beispiel dafür, wie weit Kreativität reichen kann, solange sie authentisch bleibt. Eine eigene Fashion-Linie schließt sie dennoch aus. „Wir würden unauthentisch werden, wenn wir plötzlich etwas machen, das nichts mehr mit unserem Kern zu tun hat“, sagt sie. Dieser Kern bleibe Handwerk – generationenübergreifend, nahbar und lösungsorientiert.
Neben Interior spricht Essmann auch offen über Leadership. Für sie bedeutet Führung nicht Kontrolle, sondern Menschen mitzunehmen. Kreative Köpfe, unterschiedliche Perspektiven und Persönlichkeiten seien essentiell, um Ideen wachsen zu lassen. Gerade im Living-Bereich gehe es schließlich nicht nur um Räume, sondern um Menschen und deren Geschichten. „Wir brauchen keine starren Konzepte, sondern Menschen, die Kunden wirklich verstehen“, sagt sie.

Vielleicht ist genau das das Erfolgsgeheimnis: eine Mischung aus Unternehmergeist, Mut zur Veränderung und dem Verständnis, dass Interior weit mehr sein kann als Ästhetik. Nämlich etwas, das bleibt. Ein Zuhause mit Charakter – und Geschichten, die darin entstehen.

 

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