Nico Santos hat einen Punkt in seiner Karriere erreicht, an dem er eigentlich niemandem mehr beweisen muss, dass er Hits schreiben kann. Seine Songs laufen millionenfach, er hat für andere Künstler geschrieben und produziert, längst selbst die großen Bühnen erobert und spielt in diesem Herbst die größten Konzerte seiner bisherigen Karriere. Und trotzdem klingt sein neues Album nicht nach einem Künstler, der sich auf dem Erreichten ausruht. Im Gegenteil.
Mit „POV“ wird Santos persönlicher als zuvor. Aufgeteilt in die beiden Seiten „Personal“ und „Optimist“, erzählt das Doppelalbum von unterschiedlichen Facetten seines Lebens, von seiner Familie, seinem Kind, schwierigen Momenten und jenem Optimismus, der ihn bis heute begleitet. Einige Songs hätten dabei etwas in ihm ausgelöst, das selbst er nach all den Jahren mit der Musik noch nicht kannte.
Im Gespräch mit The Hollywood Reporter Germany spricht Nico Santos darüber, wie weit er bereit ist, sein Privatleben in seinen Songs zu öffnen, warum er aufgehört hat, Musik für Algorithmen und Social Media schreiben zu wollen, weshalb ihn die Lanxess Arena noch immer nervös macht und warum sein größter Traum erstaunlich einfach geblieben ist: weiterhin genau das tun zu dürfen, was sich für ihn bis heute nicht wie Arbeit anfühlt.

THR: Dein neues Album „POV“ zeigt bewusst verschiedene Perspektiven auf dein Leben. Wenn man es komplett hört, was erfährt man über Nico Santos, das man vorher noch nicht wusste?
Nico Santos: Ich glaube, tatsächlich sehr vieles. Das Album hat zwei Seiten: einmal die persönliche und einmal die optimistische. Auf der persönlichen Seite gibt es zwei Songs, die wirklich sehr persönlich sind. Einen davon habe ich bisher auch noch nicht vielen Leuten gezeigt. Der Song erzählt chronologisch meine Biografie bis heute und enthält viele Details und Blickwinkel, die man von mir vielleicht noch nicht kannte. Gleichzeitig steckt darin aber auch viel Mutmachendes.
Diesen Song habe ich zuerst meinen Eltern und meiner Schwester gezeigt. Allein für deren Reaktion hat es sich schon gelohnt, ihn zu schreiben und dieses Album zu machen. Dann gibt es noch einen Song für mein Kind. Allein diese beiden Songs haben in mir unglaublich viel ausgelöst und mich in gewisser Weise auch geheilt. Musik ist mein ewiger Begleiter, aber selbst für mich waren das Momente und Gefühle, die ich durch Musik so vorher noch nicht erlebt hatte. Das war etwas sehr Besonderes.
THR: Das Album ist in „Personal“ und „Optimist“ unterteilt. Gibt es diese beiden Seiten auch bei dir privat, also den nachdenklichen, vielleicht verletzlicheren Menschen und auf der anderen Seite den Entertainer, der nach außen sehr viel positive Energie ausstrahlt?
Nico Santos: Ja, auf jeden Fall. Ich habe diesen Optimismus einfach in mir und glaube, dass ich grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch bin. Das hat natürlich auch viel mit den Umständen zu tun, unter denen ich aufgewachsen bin. Ich bin in eine tolle Familie hineingeboren worden, durfte auf einer der schönsten Inseln aufwachsen und hatte in meinem Leben in sehr vielen Dingen einfach großes Glück.
Natürlich gab es trotzdem Momente, in denen ich gestruggelt habe und in denen nicht alles schön war. Aber genau das macht uns Menschen ja auch aus. Wir lernen aus diesen Momenten und nehmen etwas aus ihnen mit. Manchmal kommt diese Erkenntnis vielleicht auch erst 20 Jahre später. Ich glaube, genau das ist eine der Erkenntnisse, die bei diesem Album für mich am stärksten herausgestochen ist: Es muss nicht immer alles perfekt sein.
THR: Gerade „Personal“ ist sehr autobiografisch. Gab es beim Schreiben einen Moment, in dem du dachtest: Will ich wirklich, dass Millionen Menschen das hören und über mich wissen?
Nico Santos: Gute Frage. Ehrlich gesagt habe ich mich das so noch gar nicht gefragt. Während des Schreibens war es eher so, dass ich mich selbst herausfordern wollte. Das ist jetzt mein viertes Album als Nico Santos und ich möchte selbst herausfinden, worüber ich schreiben kann und wo für mich der Punkt kommt, an dem ich sage: Stopp, bis hierhin und nicht weiter.
Gleichzeitig möchte ich Songs schreiben, die für mich und mein Umfeld wichtig sind. Das ist die Herausforderung, die ich mir selbst gestellt habe. Ich möchte aus dem Studio gehen und das Gefühl haben, dass ein Song etwas mit mir gemacht hat und ich danach vielleicht sogar anders durch meinen Tag gehe. Wenn es sich irgendwann nur noch so anfühlen würde wie: Ich habe einen Song geschrieben, okay, abgehakt, dann wäre das für mich wahrscheinlich der Moment, an dem ich sagen würde, ich brauche eine Pause. Aber genau das ist gerade überhaupt nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Deshalb ist es für mich die perfekte Zeit, weiterzumachen.
THR: Du hast schon viele Songs für andere Künstler geschrieben. Gibt es beim Schreiben manchmal einen Moment, in dem du denkst: Den Song würde ich eigentlich lieber selbst behalten? Oder andersherum einen Song, bei dem du sofort weißt, dass er für jemand anderen bestimmt ist?
Nico Santos: Nein, das hatte ich eigentlich nie. Natürlich gab es schon Melodien oder vielleicht einen Beat, bei denen ich gedacht habe, dass sie auch gut zu mir gepasst hätten. Aber bevor man mit einem Künstler einen Song schreibt, weiß man eigentlich, für wen man gerade schreibt.
Ich hatte auch schon Sessions mit Freunden, die selbst eine Künstlerkarriere haben. Man trifft sich und weiß, ohne dass man es groß aussprechen muss, für wen der Song gerade entsteht. Das kristallisiert sich während des Schreibens heraus. Deshalb hatte ich nie diesen Moment, in dem ich dachte: Diesen Song wollte ich eigentlich unbedingt selbst haben.
Bei deutschen Künstlern waren die Songs meistens ohnehin auf Deutsch. Auch wenn ich mittlerweile mit SANTOS selbst eine deutschsprachige Künstlerkarriere habe, klingt das sehr anders als vieles von dem, was ich für andere deutsche Künstler schreibe.
THR: Wie sehr denkst du beim Songwriting inzwischen an Social Media? Wenn ein Song auf TikTok oder Instagram viral geht, kann das schließlich enormen Einfluss auf Streams und Erfolg haben. Spielt das beim Schreiben eine Rolle oder versuchst du, dich bewusst davon freizumachen?
Nico Santos: Ich will ehrlich sein: Das hat man gemacht. Vor drei Jahren hat man vielleicht noch stärker so gedacht. Aber es hat nie funktioniert. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der ohnehin niemand mehr genau weiß, was funktioniert, und so geht es sehr vielen Künstlern, ist eigentlich der perfekte Moment, um zu sagen: Weißt du was? Ich mache jetzt genau die Musik, die ich selbst am liebsten hören würde.
Genau in dieser Phase bin ich gerade. Ein Doppelalbum zu machen, ist wahrscheinlich mit das Ungewöhnlichste, was man heutzutage machen kann. Entweder macht man gar keine Alben mehr, kurze EPs oder am Ende eine Compilation aus Singles, die ohnehin schon erschienen sind.
Ich bin aber mit den LPs meiner Eltern aufgewachsen. Deshalb habe ich mir gedacht: Ich mache jetzt genau das, was ich von mir selbst hören wollen würde, wenn ich nicht ich wäre.
THR: Du hast einmal in kleinen Clubs gespielt, auf der kommenden Tour stehen jetzt unter anderem Olympiahalle, Lanxess Arena und Hallenstadion auf dem Plan. Gewöhnt man sich an solche Dimensionen oder gibt es noch immer Momente, in denen du denkst: Wie ist das eigentlich mein Leben geworden?
Nico Santos: Es macht mich immer noch sehr aufgeregt. Daran gewöhnt man sich nicht. Das erste große Konzert, das ich in Deutschland gesehen habe, war in der Lanxess Arena. Und jetzt, ungefähr 14 Jahre später, spiele ich dort selbst. Das ist für mich manchmal noch gar nicht greifbar.
Bruno Mars habe ich zum ersten Mal in der Olympiahalle in München gesehen. Wenn ich jetzt selbst dort spiele, denke ich schon: Es ist verrückt, wie das Leben manchmal spielt. Normal fühlt sich das überhaupt nicht an.
In den vergangenen zwei Wochen habe ich, glaube ich, jeden Tag mit meiner Band gesprochen und jedes Mal gesagt: „Hey Jungs, das wird so cool.“ Ich bin gerade ein bisschen wie ein kleines Kind, das auf Weihnachten wartet.
THR: Du hast in deiner Karriere schon sehr viel erreicht. Gibt es trotzdem noch einen Traum, bei dem du sagst: Wenn das passiert, muss ich mich kurz kneifen?
Nico Santos: Ehrlicherweise hatte ich diesen einen großen Traum nie. Lustigerweise habe ich vor Kurzem Interviews von mir gesehen, die ungefähr neun Jahre alt sind und in denen mir genau diese Frage gestellt wurde. Damals habe ich gesagt: Wenn ich in zehn Jahren immer noch Musik machen und auf Bühnen stehen darf, dann ist das mein größtes Ziel.
Und genau das ist es eigentlich immer noch. Das Schöne ist, dass ich gerade die Musik mache, die ich selbst am meisten liebe, und gleichzeitig die größten Konzerte meiner bisherigen Karriere spiele. Mein größter Wunsch ist deshalb einfach, dass es genauso weitergeht. Es macht mir so viel Spaß. Ich habe keinen einzigen Tag, an dem ich denke: Boah, das fühlt sich wie Arbeit an.

