Während die Weltmeisterschaft gerade erst Fahrt aufnimmt und Deutschland am Sonntag ins Turnier startet, richtet sich der Blick nicht nur auf die Stars auf dem Platz, sondern auch auf jene, die das Geschehen analysieren und einordnen. Thomas Hitzlsperger kennt beide Seiten. Als ehemaliger Nationalspieler stand er selbst auf der größten Bühne des Weltfußballs, heute begleitet er die Spiele als TV-Experte. Im Interview mit The Hollywood Reporter Germany spricht er über die Entwicklung des modernen Fußballs, die Rolle der Medien, den Einfluss von Social Media und warum er die zunehmende Kommerzialisierung des Sports durchaus kritisch sieht.
THR: Du hast beide Seiten erlebt, als Profifußballer und heute als Experte. Wann hat sich dein Blick auf das Spiel am meisten verändert?
Thomas Hitzlsperger: Das ist schon eine sehr gute Einstiegsfrage, wenn ich das sagen darf. Das ist eigentlich ständig im Wandel. Also es ist halt so: Für mich gab es ein einschneidendes Erlebnis, nämlich als Fußballer nicht mehr aktiv zu sein und aufzuhören. Und dann blickt man irgendwie neu drauf. Man lernt eine neue Perspektive kennen. Also ich glaube, das war die größte Veränderung. In den letzten Jahren als TV-Experte begleite ich alle Veränderungen im Fußball. Aber da gab es keine einschneidenden Erlebnisse, sondern der Cut war, nicht mehr zu spielen. Als Spieler blicke ich auf Fans und Medien in einer gewissen Weise. Und dann irgendwann bin ich selber Teil der Medien und denke mir so: Ah, okay. Als Spieler weiß man das halt diese, diese und jene Dinge nicht. Und ansonsten versuche ich mich anzupassen mit Irgendwie wird über Fußball berichtet. Welche Plattformen gibt es, welche Veränderungen gibt es um Schritt zu halten?
THR: Und als TV Experte muss du ja komplett komplexe Dinge recht verständlich machen. Was macht für dich da eine wirklich gute Analyse aus?
Thomas Hitzlsperger: Genau das. Wenn das gelingt und auch, zu erkennen, für welchen Sender arbeite ich jetzt, arbeite ich natürlich bei dem Turnier für die ARD und habe das jetzt auch schon seit einigen Jahren gemacht, um zu wissen, wer ist eigentlich das Publikum? Und ich glaube, das kann man relativ gut einsortieren bei einem großen Turnier. Das ist also ein Querschnitt der Bevölkerung – von Hardcore-Fußballexpertinnen und -experten, die täglich Fußball konsumieren, bis hin zu Leuten, die nur alle zwei oder vier Jahre zuschauen, wenn ein großes Turnier stattfindet. Und wenn man dann für Sky oder DAZN etwas macht, dann muss man das glaube ich anders aufbereiten und auch besprechen. Ich versuche jetzt für die ARD bei dem Turnier, die Dinge so darzustellen, dass für alle etwas dabei ist. Allen gerecht zu werden, ist dabei natürlich auch klar. Aber dadurch, dass ich das jetzt schon seit fast zehn Jahren mache, glaube ich, habe ich bisher immer den richtigen Ton gefunden.
THR: Fußball ist ja längst mehr als einfach nur Sport. Das ist Entertainment, Inszenierung, teilweise auch Popkultur. Wie bewusst wird das im Profibereich oder auch von Expertenseite her gesteuert?
Thomas Hitzlsperger: Experten weiß ich gar nicht. Also Experten sind dann auch irgendwann drin. Nicht jeder beteiligt sich und und setzt irgendwelche Statements oder oder oder. Es ist Teil der Popkultur. Aber das kann man machen. Also es gibt ein paar die, durch ihr Äußeres auffallen und durch ihre Äußerungen. Andere wiederum sind da eher zurückhaltend. Bei Spielern ist es genau das Gleiche. Also ich finde, was interessant war, ist die Ankunft der französischen Nationalspieler bei den Treffen. Die sind alle super gestylt und dann werden neue Handtaschen, also Männer Handtaschen vorgeführt und und und. Irgendwie ganz schräge Looks. Und da merkt man halt schon, wie Fußballer andere Menschen beeinflussen und Modelabels das wissen und deswegen Fußballern irgendwelche Klamotten geben, die sie dann unter größter Beobachtung vorführen. Und Fußballer haben halt auch Bock, mit anderen Prominenten abzuhängen. Ob das Musikstars sind, ob das Modeikonen sind oder andere Schauspieler. Also das dürfen wir nicht vergessen. Und so wird das alles eins und es geht in beide Richtungen, weil halt wiederum Schauspieler und Musiker Fußballfans sind. Und so vermischt sich das immer wieder. Und man merkt: Wie Sie gerade sagen, es ist Entertainment, es ist Medien, es ist Sport. Alles wird irgendwie eins und es geht um Aufmerksamkeit.
THR: Du warst selbst Teil dieser extremen Öffentlichkeit. Wie sehr haben die Medien und das Narrativ, deine Leistung auf dem auf dem Platz beeinflusst?
Thomas Hitzlsperger: Vielleicht nicht direkt die Leistung, aber zumindest mal die Gedanken, die man sich macht, wenn man in der Öffentlichkeit stattfindet und man das auch liest, wie die Journalisten über einen denken, dann wieder, wie das Publikum darauf reagiert. Das, wie man so schön sagt, macht ja was mit einem. Ich kann das annehmen und aufgreifen und sagen okay, ich möchte gefallen, ich möchte gewisse Dinge ansprechen. Oder ich kann sagen, interessiert mich nicht, ich lese nichts, ich mache mein Ding. Das kann man für sich entscheiden. Ich würde immer sagen, es gibt einen Zusammenhang. Definitiv. Weil man halt öffentlich ist. Weil man öffentlich bewertet wird. Weil man auch erkannt wird. Also wir gehen jetzt immer von der Spitze aus. Man spielt Bundesliga, man ist Nationalspieler, da wird man halt auf der Straße erkannt. Und da meine ich, kann man sich dem entziehen, indem man sagt: Ich gehe nicht an öffentliche Plätze oder ich exponiere mich halt nicht. Oder man kann sagen, ich bade im Bad der Menge, weil ich das halt brauche, weil mich das noch mal pusht und so, das muss jeder für sich selber entscheiden. Aber ganz lösen davon kann man sich nicht, das kann man nicht, selbst wenn man will.
THR: Du hast dich früh klar positioniert und Haltung gezeigt, wird das im heutigen Fußball eher leichter oder schwieriger aus deiner Sicht.
Thomas Hitzlsperger: Beides. Also irgendwie ist es so: In der Öffentlichkeit ist es heute leichter, ein Anliegen sichtbar zu machen – und gleichzeitig leichter, dafür Kritik zu bekommen. Definitiv. Jeder kann mittlerweile senden und empfangen auf seinem Handy und über Social Media. Das ist so eine Demokratisierung von Nachrichten, das finde ich ganz gut. Und gleichzeitig ist es halt so, dass auch mehr Leute sagen können: Ich finde dein Anliegen doof und das muss man halt aushalten. Da ist alles verstärkt und wird multipliziert. Ich bekomme viel leichter Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, wenn ich das will und gleichzeitig muss ich damit rechnen, dass auch Kritik kommt, nicht nur von einer Zeitung oder von einer Fernsehanstalt, sondern die kommt von der breiten Öffentlichkeit, wenn die mein Anliegen doof finden. Wer sich traut, sich zu äußern, kann im besten Fall ein großes Publikum bekommen und viel Zustimmung. Aber im schlechtesten Fall kriegt man halt brutalen Gegenwind. Es muss nicht immer Shitstorm sein, aber es ist so, man muss, glaube ich, sehr stabil sein. Man muss viel aushalten können, sowohl im Positiven wie auch im Negativen.
THR: Denkst du, dass da auf Seiten von den Clubs genug gemacht wird, um auch gerade junge Talente so ein bisschen davor zu schützen oder vorzubereiten auf diese Art der Öffentlichkeit?
Thomas Hitzlsperger: Wir müssen immer fragen: Wer ist eigentlich zuständig für die Spieler? Es heißt immer, die Klubs müssen die Spieler schützen. Spieler sind in der Regel nicht so lange bei einem Klub, die wechseln ja häufig. Also die Konstante bei den meisten Spielern sind die Berater. Also muss man sagen, die Berater sind dafür verantwortlich, dass die Spieler das aushalten.Wir können nicht einen Klub verantwortlich machen, der einen Spieler holt, ihn zunächst begeistert und ihm dann einen Vertrag gibt. Man spielt ein Jahr lang gut und dann wird er abgeworben. Und dann sagt der Spieler, der noch ein Jahr vorher gesagt hat: Der Verein ist ganz, ganz großartig, ich liebe diesen Verein. Zwölf Monate später ist der Verein nicht mehr so cool, weil es einen schöneren gibt. Also es sind Vereine nur bedingt fähig, Spieler an sich zu binden, auch emotional, weil meistens ist es eine Beziehung auf Zeit. Und ich finde da sind viel mehr die Berater in der Pflicht die Spieler zu schützen und sie zu führen.
THR: Und wenn wir uns auf andere Sportarten wie Formel 1 oder NFL. Denkst du, dass Fußball auch mehr in diese Richtung gehen sollte, was große Events drumherum, Halbzeitshows und alles angeht? Oder dass man sich wirklich mehr auf den Sport fokussieren sollte?
Thomas Hitzlsperger: Es gibt ja so eine schleichende Entwicklung. Das sehe ich schon als Kommerzialisierung im Sinne von Entertainment, etwa mit Halbzeitshows. Bei der WM soll findet das auch statt. Weil Fußballfans auch Footballfans sind und umgekehrt. Oder weil jemand, der Fußball liebt, auch Formel 1 lieben kann, wird es immer leichter, Veränderungen durchzuführen. Jetzt sage ich mal so, eine Kerngruppe im Fußballgeschäft, im europäischen Fußballgeschäft, die lehnt das ab. Die sagen, wir wollen keine Halbzeitshow, wir wollen vorher kein halbes Konzert haben, sondern wir wollen Fußball sehen. Die Leute, die den Fußball bestimmen, die die Entwicklung des Fußballs bestimmen, die sehen das kommerzielle Potenzial, und deswegen werden sie alles versuchen, das weiter voranzutreiben. Deswegen haben wir eine Diskussion über Ticketpreise, die so absurd hoch sind, weil die Nachfrage immer noch da ist, Weil Leute, wenn sie 250 $ für ein NFL Spieler ausgeben und sagen okay, 101 – 150 $ für ein Fußballspiel ist ja dann nicht so viel und und das ist die Entwicklung. Es gibt viele Leute, die aus dem Finanzbereich kommen. Die merken beim Fußball, da ist noch Potenzial in der Entwicklung. Und das heißt aber auch, irgendwann Ticketpreise zu erhöhen. Die Merchandisingartikelpreise zu erhöhen. Das Publikum betrachtet Fußball nicht isoliert, sondern viele kommen aus anderen Sportarten und sind es bereits gewohnt, dass ihre Athleten und Idole auch Celebrities sind. Das ist halt so, da befinden wir uns. Aber ich finde, wenn die Entwicklung im Fußball etwas langsamer gehen würde, was die Kommerzialisierung angeht, dann wäre es kein Schaden.
THR: Vermisst du das manchmal? Das Gefühl, selber auf dem Platz zu stehen, gerade jetzt bei großen Turnieren, wenn du als Experte dabei bist?
Thomas Hitzlsperger: Ich bin zu pragmatisch. Mein Leben gefällt mir gut, so wie es jetzt ist. Manchmal stehe ich am Spielfeldrand und denke da würde ich jetzt gerne dagegen schießen. Und jetzt kurz in kurzen Hosen und Fußballschuhen an das Tor zu laufen wäre schon ganz cool. Aber ich habe auch immer noch gut die Anspannung, die ich hatte, die Nervosität und den Druck, der damit einherging, in Erinnerung, so dass ich sagen kann, das war eine coole Zeit in meinem Leben, ich möchte sie nicht missen. Aber jetzt geht es mir auch gut und es passt so.

