Mit gerade einmal Anfang 20 gehört Alyvia Alyn Lind zu den spannendsten Talenten ihrer Generation. Seit ihrer Kindheit vor der Kamera, überzeugt sie heute mit emotionaler Tiefe, beeindruckender Präsenz und einem feinen Gespür für vielschichtige Rollen. In der Netflix-Serie Wayward brilliert sie an der Seite von Toni Collette in einer Rolle, die nicht nur psychologisch fordert, sondern auch den Durchbruch als ernstzunehmende Hauptdarstellerin markiert. Im Interview spricht Alyvia über verletzliche Charaktere, inspirierende Vorbilder und warum sie am liebsten dort arbeitet, wo es menschlich wird – im Chaos zwischen Mut, Emotion und Wahrhaftigkeit.
Interview:
Wayward taucht tief in Familiengeheimnisse und psychologische Spannungen ein. Wie war es, in eine so intensive Geschichte einzutauchen – besonders an der Seite von Toni Collette?
Es war ehrlich gesagt eine der aufregendsten und bereicherndsten Erfahrungen, die ich je als Schauspielerin gemacht habe. Die Drehbücher waren extrem vielschichtig und emotional komplex. In diese Welt einzutauchen, erforderte ein gewisses Maß an emotionaler Verletzlichkeit – das kann einschüchternd sein, ist aber auch unglaublich erfüllend. Und mit Toni zu arbeiten war einfach next level. Sie bringt so viel Tiefe und Nuance in jede Szene. Sie ist großzügig, hochkonzentriert, und ich habe unglaublich viel allein schon durch das Beobachten ihrer Arbeit gelernt.
Deine Figur durchläuft eine vielschichtige Entwicklung. Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet – emotional und technisch?
Ich habe viel Zeit damit verbracht, ihre Vorgeschichte zu entwickeln – wirklich zu verstehen, welchen emotionalen Ballast sie mit sich trägt und wie das ihre Entscheidungen beeinflusst. Es war mir wichtig, dass sie authentisch wirkt – vor allem, wenn im Laufe der Serie ans Licht kommt, wie viel sie sogar vor sich selbst verbirgt.
Toni Collette ist bekannt für ihre furchtlosen Darstellungen. Gab es etwas, das du von ihrem Prozess am Set mitgenommen hast?
Was mir an Toni besonders aufgefallen ist, ist, wie geerdet und warmherzig sie als Mensch ist. Sie ist unglaublich professionell – immer fokussiert, freundlich, großzügig und respektvoll. Sie strahlt eine Wärme aus, durch die man sich sofort wohlfühlt. Ich habe wahnsinnig viel gelernt, indem ich sie beobachtet und gesehen habe, wie sie in die Rolle der Evelyn eingetaucht ist.

Die Serie vereint Spannung mit rohen Emotionen. Gab es eine bestimmte Szene, die dich besonders gefordert oder an deine Grenzen gebracht hat?
In Folge 6 gibt es eine Szene – ohne zu viel zu verraten – in der Leila sich endlich einer lange verdrängten Wahrheit über ihre Vergangenheit stellen muss. Diese Szene war emotional extrem fordernd. Ich fühlte eine große Verantwortung, sie richtig umzusetzen. Wir haben von 19 Uhr abends bis 7 Uhr morgens gedreht. Danach war ich komplett ausgelaugt – aber im positiven Sinne. Es hat mich dazu gebracht, tiefer zu graben als je zuvor. Als ich den finalen Schnitt gesehen habe, war das unglaublich erfüllend.
Du stehst schon seit deiner Kindheit vor der Kamera, aber Wayward fühlt sich wie ein Wendepunkt an. Hat diese Rolle deine Sicht auf dich selbst als Schauspielerin verändert?
Definitiv. Diese Rolle hat mich dazu gebracht, mich mit Aspekten von mir selbst auseinanderzusetzen, die ich bisher kaum berührt hatte – sowohl emotional als auch kreativ. Eine Figur wie Leila zu verkörpern, die so echt, fehlerhaft und menschlich ist, hat mir gezeigt, wie sehr ich es liebe, genau solche Charaktere zu spielen – und wie viel Stärke es braucht, das zu tun. Es hat nicht nur meine Sicht auf mich als Schauspielerin verändert, sondern auch, wie ich künftig an Rollen herangehe.
Du hast bereits in sehr unterschiedlichen Genres gearbeitet – Drama, Thriller, Komödie. Gibt es eines, das sich wie „Zuhause“ anfühlt, oder genießt du den Wechsel?
Ich glaube, jedes Genre bringt dir etwas bei – und ich liebe es, mich in allen auszuprobieren. Aber es gibt etwas an psychologischen Dramen wie Wayward, das sich wie ein Zuhause anfühlt. Ich liebe die emotionalen Schichten, die Spannung, die Intensität – das bietet so viel Spielraum. Und ich hatte das große Glück, dass keine meiner bisherigen Rollen nur auf einer Ebene funktioniert hat. Selbst in Wayward lachst du genauso oft, wie du schreist oder weinst.
Viele sehen dich als Teil einer neuen Generation Hollywood-Talente. Spürst du Druck – oder überwiegt die Vorfreude auf das, was kommt?
Ich empfinde hauptsächlich große Vorfreude. Ich fühle mich einfach glücklich, dass ich das machen kann, was ich liebe. Es fühlt sich an, als würde gerade eine neue Welle an Stimmen aufsteigen – und es ist wahnsinnig inspirierend, Teil davon zu sein. Ich bin total aufgeregt, wenn ich an all die Geschichten denke, die ich in den nächsten Jahren erzählen möchte – und ich kann es kaum erwarten, was als Nächstes kommt.
Welche Rollen oder Geschichten reizen dich besonders nach Wayward?
Mich ziehen vor allem Figuren an, die unperfekt und menschlich sind – Menschen, die noch herausfinden müssen, wer sie sind, die Fehler machen, die nicht glatt oder perfekt sind. Ich liebe Geschichten über junge Frauen auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Aber auf einer ganz anderen Ebene: Ich bin ein riesiger MCU-Fan und sofort bereit, hart zu trainieren, um eine Superheldin oder eine Bösewichtin zu spielen.
Siehst du dich zukünftig mehr im Film, oder findest du Streaming-Projekte im Moment spannender?
Beides hat aktuell sehr viel zu bieten – aber es gibt etwas ganz Besonderes am Film. Da steckt ein Zauber drin, eine Qualität, die fast heilig wirkt. Ich möchte unbedingt beides machen. Am Ende hängt es für mich vom Drehbuch und den Menschen ab, die dahinterstehen. Wenn ich eine Verbindung zur Geschichte spüre, ist es egal, ob es im Kino oder auf einer Plattform läuft.
Wenn du dir deinen nächsten Regisseur oder Schauspielpartner aussuchen könntest – wer stünde ganz oben auf deiner Wunschliste?
Ganz klar: Greta Gerwig steht ganz oben. Sie versteht Frauen auf eine ganz eigene, witzige, tiefgründige und oft herzzerreißende Art. Sie hat mich auf so viele Weisen inspiriert – vor allem auch darin, selbst mehr hinter der Kamera arbeiten zu wollen.

