Exklusive – Derik Fein: Zwischen großen Träumen, Selbstzweifeln und Sehnsucht

Er hat sich das Singen und Gitarrespielen mithilfe von YouTube selbst beigebracht und seine Karriere ohne die Unterstützung eines großen Labels aufgebaut. Heute steht Derik Fein für einen Sound, der nostalgische Melodien mit sehr persönlichen Geschichten verbindet. In seinen Songs verarbeitet er Selbstzweifel, Verlust und die Herausforderungen des Erwachsenwerdens und bewahrt sich dabei eine fast kindliche Freude am Musikmachen. Im exklusiven Interview mit The Hollywood Reporter Germany spricht der Singer-Songwriter über die bewegende Entstehung seines Songs „Sun“, seine künstlerische Unabhängigkeit, die Erinnerungen an seine Großmutter und darüber, warum ihn eine mögliche Europatournee vor eine ganz besondere Herausforderung stellt.

 

Wenn jemand deine Musik zum ersten Mal entdeckt: Welche zwei Songs würdest du auswählen, um dich vorzustellen, und was würde jeder davon über dich verraten?

Ich würde wahrscheinlich „Don’t Matter“ und „1991“ wählen. „Don’t Matter“ zeigt den Kämpfer in mir. Ich habe den Song darüber geschrieben, wie ich diesem Traum nachgejagt bin, als kaum etwas darauf hindeutete, dass daraus jemals etwas werden würde. Ich hatte finanzielle Schwierigkeiten, verlor auf dem Weg Menschen, kämpfte mit meinen eigenen Gedanken, hatte aber trotzdem diesen fast irrationalen Glauben daran, dass ich es schaffen würde.

Es gibt die Zeile: „Ich bewege mich auf dem schmalen Grat zwischen Selbstvertrauen und Suizid.“ So bedrückend sie auch ist, sie gehört wahrscheinlich zu den ehrlichsten Zeilen, die ich je geschrieben habe. Ich kann mich noch immer darin wiederfinden. Ich glaube, zwischen großem Ehrgeiz und großen Selbstzweifeln kann eine seltsame Verbindung bestehen. An einem Tag bist du dir vollkommen sicher, wer du bist und was du kannst, und am nächsten stellst du alles infrage. In „Don’t Matter“ geht es darum, Rückschläge zu erleben und sich trotzdem dafür zu entscheiden, weiterzumachen.

Dann würde ich „1991“ wählen, weil der Song das Kind in mir zeigt. Er ist nostalgisch und verspielt, aber darunter liegt diese Sehnsucht, zurückzugehen – in eine Zeit, bevor Erfolg, Erwartungen und das Erwachsensein alles komplizierter gemacht haben.

In gewisser Weise zeigen diese beiden Songs gegensätzliche Seiten von mir: Bei dem einen geht es darum, die Zukunft nicht aufzugeben, bei dem anderen darum, in die Vergangenheit zurückkehren zu wollen.

Gibt es eine Erinnerung an deine musikalischen Anfänge, die dich heute noch zum Lächeln bringt?

Ehrlich gesagt: einfach, wie wenig ich wusste. Ich habe mir mithilfe von YouTube das Singen und Gitarre spielen selbst beigebracht und angefangen, Musik zu machen, ohne wirklich zu verstehen, wie die Branche funktioniert oder was ich eigentlich tun sollte. Darin lag etwas sehr Unverfälschtes. Ich dachte nicht an Streams, Charts oder Algorithmen. Ich war einfach begeistert davon, ein paar Akkorde lernen und etwas, das ich fühlte, in einen Song verwandeln zu können. Ich versuche immer, mit dieser früheren Version von mir verbunden zu bleiben. Darin, etwas zu erschaffen, bevor ich überhaupt irgendwelche Regeln kannte, lag eine gewisse Furchtlosigkeit.

Foto: Kelsey Maggart

Deine Großmutter hat dein Verhältnis zur Musik mitgeprägt. Gibt es eine kleine, alltägliche Erinnerung an sie, die uns etwas über dich erzählen würde, was wir in keiner Künstlerbiografie erfahren?

Meine Großmutter hatte ein Herz aus Gold und glaubte an mich, lange bevor es wirklich etwas gab, an das man hätte glauben können. Ich erinnere mich daran, wie sie singend und tanzend durchs Haus ging, als ich klein war. Wir hörten zusammen Kassetten und CDs, und Musik war einfach immer um uns herum. Ich glaube, diese Erinnerungen haben mich stärker geprägt, als mir damals bewusst war. Lange bevor Musik für mich ein Beruf wurde, war sie etwas, das unser Zuhause lebendig machte. Es berührt mich noch immer, über sie zu sprechen. Ich wünschte einfach, sie wäre hier und könnte sehen, was alles passiert ist. Ich hoffe, sie wäre stolz.

„Sun“ ist mein absolutes Lieblingslied von dir. Als ich es zum ersten Mal hörte, kamen mir beim Refrain allein durch die Musik und deine Stimme die Tränen. Wie ist dieser Song entstanden, und was bedeutet er dir persönlich?

Das bedeutet mir sehr viel, besonders wenn ich daran denke, unter welchen Umständen dieser Song entstanden ist. Ich war pleite und lebte mitten im Winter in einem Einzimmerapartment in Nashville. Ich habe „Sun“ zu Hause geschrieben und mit einem Mikrofon für hundert Dollar aufgenommen. Wenn du genau hinhörst: Das sind keine echten E-Gitarren. Ich konnte mir damals keine leisten, also habe ich einfach den Klang meiner Akustikgitarre verzerrt, damit sie so klingt. Auch der Mix klingt ziemlich schlecht, weil ich keine Ahnung hatte, was ich tat. An meinem Leben war damals nichts glamourös.

Und irgendwie war der Song plötzlich einfach da. Besser kann ich es nicht beschreiben. Die meisten Songs schreibt man, indem man an ihnen arbeitet, Zeilen umschreibt und Dinge verschiebt. Aber hin und wieder hat man das Glück, dass sich ein Song anfühlt, als wäre er schon immer da gewesen und man hätte ihn nur zufällig eingefangen. „Sun“ war einer dieser Songs.

Ich glaube, ich verstehe heute besser, was der Song für mich bedeutet, als damals, als ich ihn geschrieben habe. Im Grunde geht es darum, sich etwas Erleichterung von der Last des Lebens zu wünschen. Darin steckt auch ein Verlust der kindlichen Unschuld. Als Kind weißt du noch nicht genug, um Angst vor der Welt zu haben. Dann wirst du erwachsen, und plötzlich fühlt sich alles komplizierter an.

Besonders viel bedeutet mir der Song heute, weil ich ihn in einer Zeit geschrieben habe, in der ich selbst so vieles von dem durchlebte, worum es darin geht. Ich wusste nicht, wohin mein Leben oder meine Karriere führen würden. Und irgendwie hat dieser Song mir geholfen, aus dieser Lebensphase herauszufinden.

Wenn ich ihn heute höre, höre ich darin also diese frühere Version von mir in Nashville, die keine Ahnung hatte, was noch kommen würde. Dieser Song hat mein Leben verändert.

Wenn ich richtig informiert bin, bist du 1992 geboren. Wie bist du auf „1991“ gekommen, das Jahr vor deiner Geburt, und was bedeutet dieses Jahr dir persönlich?

Die Wahrheit ist viel weniger tiefgründig, als die Leute wahrscheinlich erwarten. Ursprünglich stand im Text 1992, aber das reimte sich nicht. Also habe ich es im letzten Moment in 1991 geändert.

Aber genau das gehört für mich zu dem, was ich am Songwriting liebe. Du triffst eine winzige kreative Entscheidung, weil es besser klingt, und plötzlich wird daraus der Titel, der ein Eigenleben entwickelt. Um das konkrete Jahr ging es ohnehin nie wirklich. „1991“ steht für Nostalgie und den Wunsch, wieder ein Kind zu sein – in einer Zeit, in der sich alles einfacher anfühlte und man nicht ständig so in Eile war.

Nein, ich habe also nicht insgeheim Erinnerungen an das Jahr vor meiner Geburt. Aber das Gefühl dahinter ist sehr echt.

Foto: Kelsey Maggart

Bei „1991“ bist du als Songwriter und Co-Produzent genannt. Wenn du den Song heute auf deine Stimme und ein einziges Instrument reduzieren müsstest: Welches Instrument würdest du wählen, um seinen emotionalen Kern zu bewahren?

Gitarre. Auf jeden Fall. Ich glaube, wenn ein Song wirklich funktioniert, sollte man alles um ihn herum wegnehmen können und trotzdem noch etwas fühlen. Nur eine Stimme und eine Gitarre haben etwas Unvollkommenes und Menschliches, das zu „1991“ passt. Ohne die ganze Produktion würde man, glaube ich, noch deutlicher hören, dass es unter all der Nostalgie eigentlich ein ziemlich trauriger Song ist.

Du hast dir mithilfe von YouTube das Gitarre spielen selbst beigebracht. Gibt es etwas an deiner Art, Musik zu machen, das du besonders schätzt, weil du dafür deinen eigenen Weg gefunden hast?

Wahrscheinlich, dass ich nicht alle Regeln kenne, was etwas sehr Gutes sein kann. Ich hatte nie eine formale Ausbildung, in der mir jemand sagte: „So musst du einen Song schreiben“ oder „Dieser Akkord gehört da nicht hin.“ Ich habe durch Zuhören gelernt und bin dem gefolgt, was etwas in mir ausgelöst hat.

Ich bin sicher, dass ich manche Dinge technisch falsch mache. Das mag ich sogar. Einige meiner liebsten Momente in der Musik entstehen, weil jemand nicht wusste oder sich nicht darum kümmerte, was er eigentlich hätte tun sollen.

In deinen Musikvideos stehst du sowohl vor der Kamera als auch als Co-Regisseur dahinter. Was kannst du durch Bilder und Figuren ausdrücken, das beim Hören des Songs allein vielleicht nicht deutlich wird?

Ein großer Teil meiner Musik betrachtet das Erwachsensein durch die Augen des Kindes, das ich einmal war. Visuell kann ich das viel weiterführen als in einem Songtext. In letzter Zeit versetze ich diese erwachsene Version von mir, meist sehr seriös im Anzug gekleidet, in fast absurd kindliche Situationen: auf Spielplätze, zu Geburtstagsfeiern, auf ein Kinderfahrrad oder zwischen Kuscheltiere.

Auf den ersten Blick kann das lustig aussehen, und das mag ich. Aber wenn man das Bild einen Moment auf sich wirken lässt, liegt darin auch etwas Einsames. Das ist meist die Welt, die mich kreativ interessiert: Etwas kann gleichzeitig schön, lustig und herzzerreißend sein.

Songwriting kann mich emotional ziemlich beanspruchen. Ich glaube deshalb, dass die Videos einer anderen Seite von mir Raum geben. Ich darf albern sein und wieder spielen. Selbst wenn unter einer Idee etwas Trauriges liegt, habe ich wirklich Spaß daran, die Videos zu machen.

Außerdem habe ich das Kino schon immer geliebt, deshalb begeistert mich der gesamte Prozess. Ich liebe es, die Drehbücher zu schreiben, bei der Regie mitzuwirken, Kleidung und Drehorte auszuwählen und mich an praktisch jedem Detail zu beteiligen. Für mich ist ein Video nicht einfach etwas, das man macht, nachdem der Song fertig ist. Es ist ein weiterer Teil davon, die Geschichte zu erzählen.Du hast über die Bedeutung künstlerischer Unabhängigkeit gesprochen und hast mit Centurion Records dein eigenes Label. Hast du schon einmal eine verlockende Möglichkeit ausgeschlagen, weil du dafür zu viel kreative Kontrolle hättest abgeben müssen? Wenn ja, was war dir bei dieser Entscheidung am wichtigsten?

Absolut. Ich hatte Möglichkeiten, die mein Leben kurzfristig wahrscheinlich leichter gemacht hätten. Dafür hätte ich aber Eigentumsrechte oder Kontrolle abgeben müssen, die ich nicht aus der Hand geben wollte.

Ich bin nicht gegen Labels. Ich bin dagegen, etwas wegzugeben, nur weil die Branche Künstlern einredet, das sei der Preis für Erfolg. Ich habe meine Karriere unabhängig aufgebaut. Das hat mir gezeigt, dass der schwierigere Weg dir manchmal etwas viel Wertvolleres gibt: selbst bestimmen zu können, was aus deiner Kunst wird.

Ich wollte nie die Erlaubnis eines anderen brauchen, um Derik Fein zu sein. Einfacher kann ich es wahrscheinlich nicht ausdrücken.

Foto: Kelsey Maggart

Was würdest du musikalisch gern ausprobieren, einfach aus Freude daran, unabhängig davon, ob es erfolgreich wird?

Ich würde eines Tages gern eine Platte komplett live aufnehmen. Eine Band in einem Raum zusammenbringen, alte Instrumente und analoge Technik nutzen und alles gemeinsam aufnehmen, mit möglichst wenig Nachbearbeitung. Einige Unvollkommenheiten drin lassen: die Finger, die über die Saiten gleiten, das Einzählen, die Momente, die man normalerweise bereinigt.

Ich liebe Platten, bei denen es sich anfühlt, als stünde man während der Aufnahme mit im Raum. Darin liegt etwas sehr Menschliches. Ich fände es spannend, ein Album zu machen, bei dem es nicht um Perfektion geht, sondern darum, einen Moment einzufangen, der sich niemals genau so wiederholen lässt.

Auch außerhalb meiner eigenen Musik spüre ich langsam dieselbe Begeisterung für das, was ich mit Centurion aufbauen kann. Ich habe einen großen Teil meiner Karriere damit verbracht, herauszufinden, wie man als unabhängiger Künstler überlebt. Ich würde gern das, was ich gelernt habe, nutzen, um anderen Künstlern Möglichkeiten zu eröffnen, ohne von ihnen zu verlangen, die Dinge aufzugeben, für deren Erhalt ich selbst so hart gekämpft habe.

Außerdem möchte ich etwas von der verloren gegangenen Kunst zurückbringen, Künstler aufzubauen. Die Branche ist unglaublich datengetrieben geworden, und natürlich haben Daten ihre Berechtigung. Aber ich glaube nicht, dass dir eine Tabelle sagen kann, wann jemand etwas Besonderes ist. Ich liebe die Vorstellung, einen Künstler einfach deshalb unter Vertrag zu nehmen, weil ich etwas in ihm höre, das mich berührt – bevor die Zahlen allen anderen sagen, dass sie aufmerksam werden sollten. Und diesem Künstler dann die Zeit und Unterstützung zu geben, um tatsächlich zu dem zu werden, der er sein soll.

Wie sieht dein perfekter freier Tag aus, und welche kleinen Dinge machen ihn besonders?

Diese Branche ist eigenartig. Entweder hast du zwischen Albumprojekten und Tourneen zu viel Freizeit oder überhaupt keine, wenn es viel zu tun gibt. Viel dazwischen scheint es nicht zu geben. Monatelang läuft alles auf Hochtouren, du schläfst kaum und musst ständig irgendwo sein. Und dann wachst du plötzlich auf, musst nirgendwohin und hast keinen einzigen Termin im Kalender. Dieser Übergang kann überraschend deprimierend sein. Ich glaube, wenn du so daran gewöhnt bist, ständig etwas hinterherzujagen, kann es schwierig sein, etwas mit dir anzufangen, wenn du endlich einmal innehältst.

Ich versuche, die ruhigeren Momente mehr zu schätzen, statt deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich liebe, rauszugehen, ein gutes Gespräch zu führen oder einfach etwas zu tun, das absolut nichts mit Musik zu tun hat. Manchmal glaube ich, dass die schönsten Tage diejenigen sind, an denen nichts besonders Aufregendes passiert.

Ich lerne gerade, dass nicht jeder Tag produktiv sein oder zu etwas führen muss. Manchmal reicht es, einfach das Leben zu genießen.

Foto: Kelsey Maggart

Hast du momentan Pläne, wieder auf Tournee zu gehen? Wenn ja, welche Städte oder Länder ziehst du in Betracht, und könnten wir uns darauf freuen, dich auch in Europa live zu sehen, vielleicht sogar in Deutschland? Ich würde mich besonders freuen, dich hier in München auftreten zu sehen!

Ja. Ich plane, im Herbst nächsten Jahres durch die USA und Kanada zu touren. Das Kuriose ist, dass mich meine Flugangst völlig lähmt. Deshalb will ich die gesamte Tour mit dem Auto fahren. Das macht Tourneen etwas komplizierter als nötig, aber ich habe diesen Teil von mir akzeptiert.

Ich würde auch sehr gern durch Europa touren und habe tatsächlich schon recherchiert, wie das möglich wäre, ohne in ein Flugzeug zu steigen. Offenbar würde meine Version einer Europatour mit einer ungefähr zweiwöchigen Transatlantik-Kreuzfahrt nach Spanien beginnen. Danach würde ich mit dem Zug von Land zu Land reisen. Wenn ich es laut ausspreche, klingt das ein bisschen verrückt. Aber ehrlich gesagt klingt es auch nach einem Abenteuer.

Deutschland ist also auf jeden Fall ein Land, in dem ich gern spielen würde. Und wenn du mich eines Tages in München siehst, dann sei dir bewusst: Ich war sehr lange unterwegs, um dorthin zu kommen.

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