Schweizer Filmkunst in Locarno: Von der Schatzsuche über „The Chilean“ und Don Quijote bis hin zu „Small Talk“

Die 79. Ausgabe des großen Schweizer Sommerfilmfestivals präsentiert eine Fülle einheimischer Produktionen und Koproduktionen. The Hollywood Reporter stellt einige Titel vor, die Festivalbesucher mit Interesse am Schweizer Kino nicht verpassen sollten.

Bereit für ein bisschen Schweizer Kinoglück auf der großen Leinwand? Die 79. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno (5.–16. August) verspricht eine Bühne für mutiges neues Kino aus aller Welt zu werden – darunter auch Produktionen von Schweizer Filmemacher:innen und Produzent:innen.

In verschiedenen Festivalreihen werden Schweizer Filme zu sehen sein. Darüber hinaus rückt die beliebte Sektion „Panorama Suisse“ jene Schweizer Produktionen ins Rampenlicht, die bereits auf Festivals erfolgreich waren, ein Kinopublikum gefunden haben oder aktuell in der Schweiz laufen. Auch das Programm Locarno Kids Screenings umfasst zwei Filme mit Schweizer Beteiligung.

Für alle, die auf der Suche nach einer Portion Schweizer Filmkunst sind und ihren Festivalplan ohne „Löcher wie in einem Schweizer Käse“ füllen möchten, stellt The Hollywood Reporter eine Auswahl Schweizer Produktionen vor, die bei Locarno79 gezeigt werden.

The Chilean

Regie: Sergio Castro-San Martín
Sektion: Piazza Grande
Internationaler Vertrieb: Fandango

Ein politischer Thriller über einen Flüchtigen sorgt in Locarno für Spannung. Das epische Drama The Chilean, eine Koproduktion aus Italien, Chile und der Schweiz, beginnt im Chile des Jahres 1976. Während Protesten in den Bergbauregionen wird der Sprengstoffexperte Aldo ins Exil gezwungen und muss seine Frau und sein neugeborenes Kind zurücklassen. Er zieht nach Italien, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs in Turin durch und wird dort nur noch „Il Cileno“ – der Chilene – genannt. Als er die Ärztin Luciana kennenlernt, die Kontakte zu anarchistischen Gruppen hat, eröffnet sich ihm die Chance, seine Familie wiederzusehen. Der Preis dafür: Er muss zu seinem alten Beruf zurückkehren und Bomben für revolutionäre Gruppen bauen.

„Eine Epoche zu rekonstruieren bedeutet nicht nur, ihre Atmosphäre zu gestalten, sondern auch die Menschen zu verstehen, die sie verkörpern“, sagt der Regisseur über den Film. „Der im Exil lebende Aldo Marín führt uns zu einem der drängendsten Themen unserer Zeit: der Migration, die den gesamten Film durchzieht.“

Happiness Is So Close!

Regie: François-Christophe Marzal
Sektion: Außer Konkurrenz
Internationaler Vertrieb: Point Productions

Jean-Luc, ein Schauspieler in den Achtzigern, soll in einer renommierten Theaterproduktion den Don Quijote spielen – die Rolle seines Lebens und zugleich sein Abschied von der Bühne. Doch gesundheitliche Probleme erschweren die Proben. Deshalb engagiert das Produktionsteam vorsorglich einen Ersatzdarsteller. Jean-Luc entwickelt daraufhin zunehmend paranoide Vorstellungen. Laut Synopsis „versinkt er allmählich in einem obsessiven Wahn, überzeugt davon, dass sein Ersatz ihn verdrängen wird – bis er schließlich völlig verschwindet.“

In der Schweizer Produktion spielen Jean-Luc Bideau, Gilles Privat und Aurore Clément. Das Drehbuch stammt von Marzal und Nicolas Frey, der auch den Schnitt übernahm.

Vor der Weltpremiere am 9. August wird Hauptdarsteller Jean-Luc Bideau in Locarno mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet.

Small Talk

Regie: Matteo Ybarra
Sektion: Filmmakers of the Present Competition
Internationaler Vertrieb: Urban Sales

Dieser hybride Spielfilm gewährt einen Blick hinter die Kulissen einer exklusiven Institution. Charlie träumt von einer Karriere in der Luxuswelt und schreibt sich am Institut Villa Pierrefeu ein – der letzten verbliebenen Benimmschule der Schweiz. Dort werden Frauen aus aller Welt darauf vorbereitet, sich in den Kreisen der internationalen Elite zu bewegen. Einen Sommer lang dreht sich ihr Alltag um Unterricht in Eleganz, Etikette und der Kunst der Konversation.

Das Drehbuch schrieb der Regisseur gemeinsam mit Hélène Bares, Louis Rebetez und Milan Alfonsi. Hélène Bares übernimmt zudem eine Hauptrolle.

„Indem wir mit einer Schauspielerin in einer realen Ausbildungssituation gearbeitet haben, untersucht der Film die fließende Grenze zwischen Inszenierung und sozialem Verhalten und stellt die Frage, wie Identität durch erlernte Regeln und Erwartungen geformt wird“, erklärt Ybarra.

O Jacaré

Regie: Basil Da Cunha
Sektion: Internationaler Wettbewerb
Internationaler Vertrieb: Thera Production

Basil Da Cunha besitzt sowohl die Schweizer als auch die portugiesische Staatsbürgerschaft – was die ungewöhnliche Mischung dieser Koproduktion erklärt. Der Film spielt nicht in den Alpen, sondern im Lissaboner Vorort Reboleira. Nach einem Raubüberfall ist die Beute spurlos verschwunden. Während die Polizei das Viertel absperrt, verbreiten sich Gerüchte und Spekulationen. Die Bewohnerinnen und Bewohner – ein buntes Ensemble schillernder Figuren – träumen davon, das Geld zuerst zu finden.

Für Da Cunha, der auch das Drehbuch schrieb, ist der Film zugleich ein Abschied: „Seit 15 Jahren filme ich das Viertel Reboleira, das bald abgerissen wird. O Jacaré ist wie ein letzter Tanz vor seinem Verschwinden – ein lebendiger, leichter Film voller Komik und Freiheit.“

The Angel Maker

Regie: Marina Klauser
Sektion: Außer Konkurrenz
Internationaler Vertrieb: tellfilm

Diese vierteilige Schweizer Dokumentarserie ist nichts für schwache Nerven, dürfte aber Fans von True Crime und Sekten-Geschichten begeistern.

Sie erzählt die Geschichte der bis heute existierenden Schweizer Religionsgemeinschaft Methernitha, ihres Gründers Paul Baumann – Erfinder einer rätselhaften Energiemaschine – sowie der jungen Frauen, die ihn wegen Kindesmissbrauchs zu Fall brachten.

Marina Klauser schrieb und inszenierte zuvor mehrere Kurzfilme und leitete das Autorenteam der Dramedy-Serie How to Be Sad – The Right Way.

Frank & Louis

Regie: Petra Volpe
Sektion: Piazza Grande
Internationaler Vertrieb: TrustNordisk

Zum Abschluss präsentiert Locarno den neuesten Film einer der profiliertesten Schweizer Regisseurinnen. Zwar feierte Frank & Louis bereits beim Sundance Film Festival Weltpremiere, doch in Locarno erhält der Film eine große Open-Air-Vorführung auf der Piazza Grande.

Die schweizerisch-italienische Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe knüpft mit ihrem englischsprachigen Debüt an den Erfolg von Late Shift an und widmet sich erneut einem oft übersehenen Pflegethema: der Versorgung alternder Strafgefangener. Schauplatz ist ein US-Gefängnis. Dort kümmert sich Frank, gespielt von Kingsley Ben-Adir, der selbst eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, um ältere Mitinsassen mit Gedächtnisverlust. Einer von ihnen ist Louis, dargestellt von Rob Morgan.

„Das Thema Fürsorge und Pflege – was sie bedeutet und wie sehr wir alle darauf angewiesen sind – ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Fragen überhaupt“, sagte Volpe in einem früheren Interview mit The Hollywood Reporter. „Wir halten es für selbstverständlich, dass sich Menschen um uns kümmern. Gleichzeitig ist das Thema tabu, weil niemand gerne daran denkt, alt, krank oder hilfsbedürftig zu werden. Und gerade im Gefängniskontext setzen wir uns kaum ernsthaft damit auseinander.“

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