Zwei MOMOs – eine Zeitreise

Fast vier Jahrzehnte später, kehrt MOMO zurück – Ein Interview von THR mit Radost Bokel (MOMO1986) und Radost Bokel (MOMO 2025)

Radost Bokel & Alexa Goodall über Zeit, Achtsamkeit und das Vermächtnis einer Figur

Als Michael Endes MOMO vor fast fünfzig Jahren erschien, war es weit mehr als ein Kinderbuch – es wurde zu einer zeitlosen Geschichte über das Leben, die Zeit und den Mut, Mensch zu bleiben in einer Welt, die sich immer schneller dreht. 1986 brachte die damals elfjährige Radost Bokel diese sanfte, weise Heldin auf die Leinwand und wurde zur Momo einer ganzen Generation.

Nun, fast vier Jahrzehnte später, kehrt MOMO zurück – in einer neuen, international besetzten Verfilmung mit der britischen Nachwuchsschauspielerin Alexa Goodall, die der Figur mit frischem Blick und moderner Sensibilität begegnet.

Momo | Alexa Goodall

In diesem besonderen Gespräch treffen die beiden MOMOs erstmals aufeinander. Sie sprechen mit Hollywood Reporter Germany über die Magie dieser Rolle, über Wandel und Wiederkehr, über das, was bleibt – und warum Michael Endes Botschaft heute vielleicht aktueller ist als je zuvor. Eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kindheit und Reife – und ein berührender Beweis dafür, dass echte Geschichten nie vergehen.

THR: MOMO ist mehr als nur eine Figur – sie steht für Zeit, Achtsamkeit und Menschlichkeit. Was bedeutet Momo euch beiden persönlich?

Alexa: Für mich ist MOMO eine unglaublich starke Figur. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sie sich durch schwierige Zeiten kämpft und all diese Herausforderungen meistert. Das zu beobachten, war sehr inspirierend. Momo bedeutet mir viel – ich fühle mich ihr nahe und erkenne vieles von mir selbst in ihr wieder. Ich schaue wirklich zu ihr auf.

Radost: Für mich ist MOMO ein großer Teil meines Lebens – eigentlich begleite ich sie schon mein ganzes Leben lang. Die Menschen verbinden diese Rolle bis heute mit mir. Aber die Figur MOMO steht für mich vor allem dafür, den Moment bewusst wahrzunehmen, das Leben wirklich zu leben und sich nicht die Zeit stehlen zu lassen. Es geht darum, den Augenblick zu erkennen, ihn zu genießen und im Jetzt zu sein. Ich ertappe mich selbst oft dabei, durchs Leben zu hetzen und mich zu fragen: „Was mache ich da eigentlich?“ MOMO erinnert mich immer wieder daran, mir Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu nehmen.

Momo | Alexa Goodall

THR: Die Geschichte verbindet Generationen. Warum, glaubt ihr, berührt MOMO auch fast 50 Jahre nach Erscheinen des Buches und 40 Jahre nach dem Film noch immer so viele Menschen?

Radost: Weil es unglaublich ist, wie visionär Michael Ende war. Je mehr Zeit vergeht, desto aktueller wird die Botschaft von MOMO. Heute wird uns unsere Zeit buchstäblich ständig gestohlen – durch soziale Medien, Gaming, ständige Ablenkung. Wir müssen uns unsere Zeit regelrecht zurückerobern. Man denkt, man schaut nur fünf Minuten aufs Handy, und plötzlich ist eine Stunde vergangen.

Alexa: Ich finde das faszinierend, weil man – wenn man beide Filme sieht – wirklich spürt, was sie einem sagen wollen. Wir verschwenden so viel Zeit, gerade wir Jugendlichen, mit Social Media. Dass Michael Ende das schon damals erkannt und in seiner Geschichte verarbeitet hat, finde ich unglaublich stark. Ich bewundere, wie er es geschafft hat, etwas so Zeitloses zu schreiben. Ich finde es wunderbar, dass MOMO alle Generationen anspricht.

Radost: Ja, und das schon 1973! Ich frage mich manchmal, wie sehr den Menschen damals wohl schon Zeit gestohlen wurde – aber heute passiert das definitiv ständig.

THR: Ihr habt dieselbe Rolle gespielt, aber in völlig unterschiedlichen Zeiten. Was verbindet euch emotional am meisten mit dieser Figur?

Alexa: Während der Dreharbeiten habe ich mir wirklich Zeit genommen, MOMO zu verstehen. Ich habe nicht einfach eine Figur gespielt – ich habe sie gelebt. Besonders die Art, wie sie zuhört und anderen Menschen helfen will, hat mich inspiriert.

Radost: Das kann ich nur bestätigen. Ich war zehn Jahre alt, als ich den Film gedreht habe, und auch ich habe MOMO nicht gespielt, sondern sie wirklich verkörpert. Diese Zeit war eine der prägendsten und unvergesslichsten meines Lebens – wirklich ikonisch. Ich werde sie nie vergessen.

Momo | Alexa Goodall

THR: Radost, du hast 1986 als Momo eine ganze Generation geprägt. Wie war es für dich, diese Figur nach so vielen Jahren wieder aufleben zu sehen – jetzt durch Alexa?

Radost: Ich war einfach unglaublich glücklich. Es ist schön zu sehen, dass die Botschaft jetzt an eine neue Generation weitergegeben wird. Ganz ehrlich: Mein Film war großartig, aber jetzt ist 2025 – es braucht eine zeitgemäße Version, damit die Geschichte relevant bleibt. Ich freue mich sehr, dass das passiert ist.

THR: Alexa, du trittst in sehr große Fußstapfen – MOMO ist eine ikonische Figur. Wie bist du mit dieser Verantwortung umgegangen?

Alexa: Ich glaube, nichts kann den Originalfilm übertreffen. Aber uns war bewusst, dass wir etwas Bedeutendes weitertragen und MOMO einer neuen Generation vorstellen. Das war eine große Verantwortung. Es ist etwas ganz Besonderes zu sehen, wie glücklich die Menschen sind, dass ihre Kinder den Film jetzt neu entdecken. Es ist wahrscheinlich der schönste und einprägsamste Job, den ich je gemacht habe.

THR: Radost, was hast du damals als Kind verstanden – und was verstehst du heute, als erwachsene Frau, an MOMO vielleicht anders?

Radost: Als Kind habe ich natürlich nicht alles verstanden. Ich wusste nur, dass es darum ging, dass uns die Zeit gestohlen wird. Im Film – oder auch im Buch – war das leicht zu begreifen: Wenn die grauen Herren jemanden überzeugen, keine Zeit zu verschwenden, indem er etwa seine kranke Mutter besucht. Das habe ich damals mit dem Kopf verstanden. Heute verstehe ich es mit dem Herzen. Ich sehe es in meinem eigenen Leben – wir alle erleben das. Wir verschwenden so viel Zeit mit Dingen, die wir tun müssen: Schule, Arbeit, Verpflichtungen. Und dabei bleibt so wenig Zeit wirklich für uns selbst.

Momo | Alexa Goodall

THR: Alexa, MOMO ist ein Kind, das Erwachsene verändert. Was hat die Rolle in dir selbst verändert?

Alexa: Sie hat mich wirklich verändert. Ich lege mein Handy jetzt öfter weg, verbringe mehr Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie. Ich nehme mir mehr Zeit für die Menschen um mich herum – und das fühlt sich gut an. Diese Rolle hat meine Sicht aufs Leben verändert, und dafür bin ich sehr dankbar.

Radost an Alexa: Ich habe MOMO damals in Rom gedreht und erst im Flugzeug erfahren, dass der Film auf Englisch sein würde – und ich hatte gerade erst angefangen, Englisch zu lernen! Das war ziemlich schwierig. Ich war dreieinhalb Monate von zu Hause weg. Wie hast du das mit der Schule geschafft?

Alexa: Ich hatte eine Privatlehrerin. Wir haben dreieinhalb Monate in Kroatien gedreht.

Radost: Ich war in Italien und hatte irgendwann Heimweh nach dem Essen. Meine Mutter hat dann zu Hause gekocht, ist ins Flugzeug gestiegen und hat mir das Essen nach Rom gebracht! Wie war das bei dir?

Alexa: Um ehrlich zu sein – englisches Essen ist nicht so meins. Das Essen in Kroatien war fantastisch! Ich habe Fish and Chips kein bisschen vermisst.

Radost: Hattest du in der Schule Probleme mit Neid? Das war bei mir damals ein echtes Thema.

Alexa: Ja, das war bei mir ähnlich. Ich versuche, das eher für mich zu behalten. Natürlich habe ich Instagram, und einige haben es dort herausgefunden. Wenn sie darüber reden, gehe ich meist höflich weg – ich will mich nicht mit Negativität beschäftigen. Ich denke mir: Ich lebe mein Leben so, dass ich das Schlechte loslasse und einfach tue, was mich glücklich macht.

Alexa an Radost: Wie alt ist dein Sohn? Und was hat er gesagt, als er den Film gesehen hat?

Radost: Er ist 16. Damals war er zwölf oder dreizehn als er den Film gesehen hat – und in dem Alter bekommt man aus Jungs nicht so viel heraus. Er meinte nur: „Cool.“ Mehr kam da nicht.

Alexa: Welchen Rat würdest du mir als Schauspielerin geben?

Radost: Ich habe den besten Rat überhaupt. Als ich damals auf der MOMO-Premiere war, hat mir Otto Waalkes gesagt: „Nimm das alles nicht zu ernst – den Glanz, den Ruhm, die Menschen. Sie werden sehr nett zu dir sein, aber du musst bescheiden bleiben.“ Das habe ich mir gemerkt. Sei dankbar und respektvoll, aber vergiss nie: Am Ende kennen sie dich nicht wirklich. Sie lieben nur das Bild, das sie von dir haben. Ich schätze all das und bin dankbar, aber das Wichtigste für mich ist meine Familie und meine Freunde. In deiner Karriere wirst du Höhen und Tiefen erleben – aber wenn du ein starkes Fundament hast und innerlich stabil bist, kannst du mit allem umgehen. Bleib bescheiden – und halte dein Fundament stark.

Radost Bokel | Foto: Peter Müller Photography

Alexa: Hast du den neuen Film schon gesehen?

Radost: Ja, habe ich – und ich liebe ihn! Ich finde, du hast das großartig gemacht.

THR: Wenn eure beiden MOMOs sich begegnen würden – worüber würden sie sprechen?

Alexa: Ich glaube, sie würden sich auf Anhieb verstehen – sie wären wahrscheinlich die besten Freundinnen. Meine MOMO wäre die, die viel redet, und deine MOMO würde zuhören. Und sie würden sicher darüber sprechen, welch unglaubliche Reise sie beide hinter sich haben.

Radost: Und deine MOMO würde meiner erzählen, wie sehr den Menschen heute die Zeit gestohlen wird.

 

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