Die diesjährige Fußball-Weltmeisterschaft blieb nicht von Kritik verschont. Millionen Zuschauer ärgerten sich über überteuerte Ticketpreise, politische Einflussnahme und Gerüchte über weitreichende Korruption, die die Stimmung rund um das normalerweise euphorische und verbindende Sportereignis trübten.
Nach der wenig beliebten Einführung sogenannter „Hydration Breaks“ – ein Begriff, der von Kritikern spöttisch als verschleierte Werbepausen bezeichnet wurde – und der umstrittenen Aufteilung der Spiele in vier Viertel statt der traditionellen zwei Halbzeiten kann man sich vorstellen, wie internationale Fußballfans auf die Nachricht einer Super-Bowl-ähnlichen Halbzeitshow reagierten.
Denn viele Anhänger des Fußballs sind es nicht gewohnt, dass ihr Lieblingssport mit aufwendigen Tanznummern, choreografierten Boyband-Auftritten und gigantischen Bühnenbildern daherkommt. Warum stehen etwa Carlos Alcaraz und Hoyeon auf dem Spielfeld und öffnen eine Louis-Vuitton-Truhe, in der sich der WM-Pokal befindet? Ein Screenshot dieses Moments erhielt auf X mehr als 120.000 Likes. Der Kommentar dazu: „Ehrlich gesagt eines der geschmacklosesten und widerlichsten Dinge, die ich seit Langem gesehen habe.“
FIFA-Präsident Gianni Infantino ist seit Jahren mit Vorwürfen konfrontiert, den Fußball zu sehr zu kommerzialisieren. Doch für einige der geschätzten eine Milliarde Zuschauer fühlte sich die Inszenierung des Finales zwischen Spanien und Argentinien – das schließlich die Europäer für sich entschieden – wie ein neuer Tiefpunkt an.
Die Produzenten der Veranstaltung waren dennoch überzeugt, dass die 27-minütige Show ein Erfolg war – obwohl das International Football Association Board mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass eine Halbzeitpause laut Regelwerk maximal 15 Minuten dauern darf. Das spielte offenbar keine Rolle: Für die Show wurden BTS, Shakira, Justin Bieber, Chris Martin und Burna Boy verpflichtet. Selbst eingefleischte Fußballfans sollten abgeholt werden – etwa mit Madonna, die in einem vorab produzierten Segment in einem Dünenbuggy durch die Stadiontunnel des New-York-New-Jersey-Stadions raste, gesteuert von den brasilianischen Fußballlegenden Ronaldo und Ronaldinho.
Schließlich fand das Ereignis in den USA statt – ein von Donald Trump besuchtes Finale, bei dem offenbar auch die Momente abseits des Fußballs spektakulär inszeniert werden mussten. Viele Zuschauer lobten die Show als höchst unterhaltsam und als beeindruckende technische Leistung angesichts der gigantischen Bühnenaufbauten und der Starbesetzung.
Jason Sudeikis trat als Ted Lasso auf. Dirigent Gustavo Dudamel führte Musiker des New York Philharmonic und des venezolanischen Simón Bolívar Symphony Orchestra bei einer Version von „Seven Nation Army“. Außerdem traten der iranische Violinist Bijan Mortazavi und die Muppet-Rockband Electric Mayhem auf.
Doch außerhalb der USA fiel das Urteil deutlich kritischer aus.
Der britische The Guardian schrieb, für die Kritiker wirke die Show weniger wie eine Feier der Weltmeisterschaft als vielmehr wie „Amerika, das sich dem Turnier aufdrängt“. The Times urteilte: „Stars enttäuschen in einer glatten und unsubtilen Show.“
Der ehemalige englische Nationalspieler und BBC-Experte Wayne Rooney wurde auf X mit seiner Meinung millionenfach angesehen. Sein Fazit: „Mein Lieblingsmoment der Halbzeitshow war, als sie vorbei war … Ich mag all diese Künstler, aber ich fand sie schlecht.“
Noch kürzer brachte es Robert Smith von The Cure auf Instagram auf den Punkt: „AAAAAAAAAAAAAAAAAAGH“ – versehen mit den Hashtags „#breadandcircuses“ und „#pleasejustfuckoff“.
Auch in Deutschland fiel die Reaktion verhalten aus. Ein Zuschauer sagte gegenüber The Hollywood Reporter: „In den Medien waren die Kommentare sehr schlecht … Zu lang und zu viel amerikanische Show. Die Pause hätte 15 Minuten dauern sollen, wie normalerweise. Was in diesen 15 Minuten passiert, ist egal – aber die Regeln sollten eingehalten werden.“
Ein spanischer Nutzer erhielt auf X mehr als 319.000 Likes für einen Beitrag, in dem er auf die vermeintliche Widersprüchlichkeit hinwies: Während US-Präsident Trump einen politischen Konflikt mit Iran austrug, wurde gleichzeitig eine riesige „LOVE“-Flagge auf dem Spielfeld ausgerollt. Das iranische Team und sein Trainerstab waren die einzigen Beteiligten, die verpflichtet waren, nur für ihre Spiele in die USA ein- und wieder auszureisen.
Selbst US-Medien zeigten sich wenig begeistert. TIME-Autorin Judy Berman schrieb, die Show sei „so glatt, süßlich und auf Massengeschmack ausgelegt“ gewesen, dass kaum einzelne Momente herausstachen. The Athletic bezeichnete sie als „glatt produziert, surreal und völlig unnötig“.
Der in London arbeitende Sportjournalist Tim Spiers schrieb: „BTS mit einer Popnummer, Bieber, der die Stimmung komplett ausbremst, und dann Coldplay mit Kindern des PS22-Chors, die den Kitsch noch steigern und über Liebe singen … Man fragte sich ständig: Warum? Warum muss der größte Fußballer, der je einen Ball getreten hat, die längste Halbzeit seiner Karriere über sich ergehen lassen, damit Chris Martin uns erzählt, wir sollen an die Liebe glauben?“
Sein Fazit: „Es ist Fußball, aber nicht so, wie wir ihn kennen. Es ist amerikanischer Sport – genau so, wie wir ihn kennen.“
Auch die New York Times-Autorin Lindsay Zoladz kritisierte die fehlende Einheit der Show: „Die Auftritte wirkten alle sehr voneinander getrennt, fast so, als würden sie auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden … Viele Stars, wenig Zweck.“

