Dolly Parton sagte Elvis einst ab. Können Songwriter das heute noch?

„Dolly ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man seine Urheberrechte schützen und selbst entscheiden kann, was man damit macht“, sagt Erin McAnally, Geschäftsführerin der Songwriters of North America.

Es gibt viel, was Songwriter heute von Dolly Parton lernen können: einen eingängigen Refrain schreiben, einem Song einen Hauch Drama verleihen, witzige und zugleich verletzliche Texte verfassen. Vielleicht am wichtigsten ist aber die Frage, wann man Nein sagen sollte.

In der Musikbranche kursiert seit Jahrzehnten eine berühmte Geschichte darüber, wie Elvis Presley Parton in den 70er-Jahren einen Coverversion von „I Will Always Love You“ anbot. Für die damals bereits berühmte Parton hätte das Angebot einen weiteren Karriereschub bedeuten können: Einer der beliebtesten Künstler der Welt wollte einen von ihr geschriebenen Song aufnehmen, der mit großer Wahrscheinlichkeit ein Hit geworden wäre. Doch das Angebot hatte einen Haken: Obwohl Elvis kein Wort des Songs geschrieben hatte, verlangte sein Manager Colonel Tom Parker 50 Prozent der Verlagsrechte.

Die Country-Ikone, die Anfang dieser Woche im Alter von 80 Jahren starb, lehnte ab. 2021 erinnerte sie sich im Gespräch mit W Magazine daran, dass ihr die Entscheidung „das Herz gebrochen“ habe: „Ich habe die ganze Nacht geweint. Aber ich musste das Urheberrecht für mich behalten.“

Man kann sich vorstellen, wie oft sie in den folgenden Jahren über diese Entscheidung nachgedacht hat. Hat sie sie bereut? Wäre die Hälfte der Rechte an einem Elvis-Hit mehr wert gewesen als die vollen Rechte an einem Song, den niemand aufnahm? Zum Glück dürften solche Zweifel spätestens 1992 verflogen sein, als Whitney Houston den Song für Bodyguard aufnahm und daraus einen der erfolgreichsten Songs aller Zeiten machte. Elf Millionen verkaufte Exemplare allein in den USA, unzählige Radioeinsätze und fast eine Milliarde Streams auf Spotify: Die Urheberrechte gehören bis heute allein Parton und bringen ihr Millionen ein – als wertvoller Bestandteil ihres weitläufigen Geschäftsimperiums.

„Dass sie Nein gesagt hat, war kein Zufall, dass daraus dieses riesige Copyright geworden ist“, sagt Erin McAnally, Geschäftsführerin der Songwriter-Interessenvertretung Songwriters of North America und selbst Songwriterin, die unter anderem mit Parton und Kenny Rogers gearbeitet hat. „Der Song war schon an sich magisch, aber das war ihre Geschäftstüchtigkeit. Sie war eine unglaublich kluge Geschäftsfrau und hat auf ihr Bauchgefühl und ihre Arbeit vertraut.“

Abgesehen davon, dass Parton mit ihrer Entscheidung persönlich ein Vermögen machte, sehen McAnally und andere Branchenkenner darin einen wichtigen historischen Moment für die Interessen von Songwritern – unabhängig davon, ob Parton damals überhaupt bewusst war, welche Signalwirkung ihre Entscheidung haben würde.

„Ich werde mich immer fragen, ob ihr damals klar war, was sie mit dieser Entscheidung für Songwriter bewirkt hat“, sagt Lucas Keller, Gründer von Milk & Honey, einer der größten Managementfirmen für Songwriter. „Dollys Entscheidung war wichtig, lange bevor irgendjemand wusste, wie wertvoll sie einmal sein würde.“

Partons Entscheidung wirkt gerade in der heutigen Musiklandschaft besonders eindrücklich. Trotz ihres entschlossenen Neins ist das Machtverhältnis, das Elvis und Parker damals etablierten, im Musikgeschäft inzwischen weit verbreitet. Songwriter sehen sich häufig mit der Erwartung konfrontiert, einen Teil ihrer Verlagsrechte abzugeben, wenn ein Künstler ihren Song aufnehmen will. Das Problem ist so verbreitet, dass sich 2021 eine Gruppe prominenter Songwriter in der kurzlebigen Initiative The Pact zusammenschloss, um diese Praxis zu bekämpfen.

„Dolly ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man seine Urheberrechte schützen und selbst entscheiden kann, was man damit macht“, sagt McAnally. „Es ist beängstigend, Nein zu sagen – ganz egal, wer man ist. Und mit dieser Entscheidung werden Menschen ständig konfrontiert.“

Die Gründe dafür sind natürlich finanzieller Natur: Ein erfolgreicher Songkatalog kann Hunderte Millionen Dollar wert sein. Gleichzeitig geht es um die öffentliche Wahrnehmung. Künstler wollen nicht den Eindruck erwecken, mit der Entstehung ihrer eigenen Werke wenig zu tun zu haben – insbesondere in Zeiten sozialer Medien, in denen Fans zunehmend erwarten, dass Künstler ihre Songs selbst schreiben.

Zu diesem Druck kommt hinzu, dass die Streaming-Ära für viele Songwriter alles andere als lukrativ ist. Ihre Einnahmen sind gesunken, seit klassische Plattenverkäufe zurückgegangen sind. Gleichzeitig haben moderne Popsongs oft eine lange Liste von Songwritern, sodass die ohnehin geringen Einnahmen auf noch mehr Beteiligte verteilt werden. Zusammengenommen machen diese Faktoren es heute für alle außer den ganz großen Namen deutlich schwieriger, eine Entscheidung zu treffen, wie Parton sie vor 50 Jahren getroffen hat.

Keller sagt, dass die erfolgreichsten Songwriter weiterhin über Verhandlungsmacht verfügen. Aufstrebende und mittelgroße Songwriter würden dagegen häufig vor eine „Entscheidung gestellt, die sich gar nicht wie eine Entscheidung anfühlt“.

„Wenn ein großer Künstler einen Song aufnehmen will und das die eigene Karriere verändern könnte, ist der Druck groß, dafür Anteile an den Urheberrechten, Verlagsrechten oder Tantiemen abzugeben“, sagt er. „Ich finde den Gedanken gut, dass Songwriter auf dem freien Markt verhandeln. Aber die Einschüchterung setzt sich heutzutage meistens durch. Wie viel Verhandlungsmacht ein Songwriter tatsächlich hat, hängt in der Regel davon ab, ob er bereit ist, die Gelegenheit sausen zu lassen.“

Um die Situation zu verbessern, wären vermutlich grundlegende strukturelle Veränderungen in der Musikbranche nötig.

„Songwriter brauchen bessere Vergütungsmodelle beim Streaming, durchsetzbare Schutzmechanismen gegen erzwungene Urheberrechtsbeteiligungen und mehr Transparenz bei der Aufteilung der Rechte“, sagt Keller. „Wir sprechen im Büro ständig darüber: Songwriter sollten in der Lage sein, einen Song von dem Tag an zu verfolgen, an dem er geschrieben wird, bis zu seiner Veröffentlichung. Die schwarzen Schafe der Branche müssen aufhören, das Eigentum eines Songwriters als Eintrittspreis zu betrachten.“

McAnally betont dennoch, dass Fälle wie dieser zumindest eine wichtige Debatte anstoßen – und das sei ein Anfang.

„Das sind Dollys Erfahrung, ihre Worte, ihre Melodie, die sie irgendwo aus dem Nichts herausgeholt hat. Und dann kommt jemand, der überhaupt nichts mit der Entstehung des Songs zu tun hatte, und verlangt dafür einen Anteil – wenn man es einmal so betrachtet, ist das absurd“, sagt McAnally. „Je mehr öffentlich darüber gesprochen wird und je deutlicher wird, wie absurd das eigentlich ist, desto besser ist es für uns alle.“

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