Mit der Eröffnung des NEUEN D INGS im alten Kino am Sendlinger Tor in München setzt das Künstlerkollektiv Broke.Today ein Zeichen für eine junge, interdisziplinäre Kreativszene. Das Projekt ist zunächst bis März angesetzt und soll in den kommenden Monaten weiterwachsen. Um die Initiative langfristig zu sichern und auszubauen, befindet sich das Team aktuell auf der Suche nach Förderern, die die Vision unterstützen und die Weiterentwicklung dieses kulturellen Impulses am Sendlinger Tor begleiten möchten.

Im Rahmen der Eröffnung wurde der Film „Haunted Boys“ gezeigt, ein Projekt des Kollektivs. Kreiert wurde der Film unter anderem von Tolga Ulas, Filin Guas und Adrian Moskowicz, der nicht nur konzeptionell beteiligt war, sondern auch selbst als Schauspieler vor der Kamera stand. Das Werk verbindet cineastische Bildsprache mit performativer Intensität und trägt deutlich die Handschrift des Kollektivs.
Im Gespräch mit Adrian Moskowicz, der im Film die zentrale Rolle übernahm, erzählt er von der Entstehung des Projekts, der Zusammenarbeit mit Tolga Ulas und Filin Guas sowie von der künstlerischen Vision des Kollektivs Broke.Today für den neuen Kulturraum am Sendlinger Tor.

Wer ist Adrian Moskowicz?
Adrian Moskowicz: Ich wurde in Brooklyn, New York, geboren und bin dort aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus Chile: Mein Vater ist Filmregisseur und musste 1973 aus politischen Gründen Chile verlassen. Meine Mutter hat er in New York kennengelernt.
Mit 13 Jahren bin ich zurück nach Chile gegangen, habe meine ersten Schauspielerfahrungen in Kurzfilmen und als Protagonist in Langfilmen gesammelt und meine chilenische Identität gefestigt. Später kehrte ich nach New York zurück, studierte Schauspiel an der New York University und an den Stella Adler Studios und absolvierte ein Auslandssemester in London.
Europa wurde zunehmend mein Lebensmittelpunkt, auch durch familiäre Verbindungen – ich durfte sogar in Madrid bei meiner Tante Geraldine Chaplin wohnen. 2008, nach der Wirtschaftskrise, begann ich meine Karriere in Madrid, doch dann lernte ich meine Frau kennen, die aus München stammt. Ich zog nach München und baute mir hier ein kreatives Umfeld auf.

Wie bist du zum Projekt gekommen?
Adrian Moskowicz: Tatsächlich kam das über Tolga zustande. Wir kannten uns aus einer Schauspielerclique – einige studierten, andere besuchten eine private Schauspielschule in München. Irgendwann hatten wir uns zusammengefunden.
Vorletztes Jahr fragte mich Tolga, ob ich Lust hätte, bei einem Projekt mitzumachen. Es ging um ein Filmkonzept, das als Intro für das Happy End Hotel gedacht war. Ich bin praktisch „reingerutscht“ ich habe sofort zugesagt. Meine Frau war ebenfalls voll dabei, wir haben drei Kinder, also hatte ich zuhause vollen Support.
Vor Ort haben wir sofort angefangen, die Geschichte des Hauses zu erkunden und zu überlegen, wie wir sie visuell erzählen können. Daraus entstand die Idee: Wir machen einen Film, der die Zuschauer:innen mitnimmt und die Geschichte des Hauses spürbar macht.

Wie ist der Film entstanden und was wolltet ihr damit zeigen?
Tolga Ulas: Wir wollten das Haus erlebbar machen, Respekt und Dankbarkeit zeigen, aber gleichzeitig eine Geschichte erzählen, die Künstlerinnen und Künstler, Kino und das Gebäude miteinander verbindet. Jeder Raum, jeder Zwischengang im Haus ist einzigartig und erzählt eine eigene Geschichte. Wir mussten überlegen, wie wir die Räume optimal nutzen und in Szene setzen.
Filin Guas: Der Filmprozess war extrem prozessorientiert: Szenen wurden immer wieder neu gedacht, diskutiert und ausprobiert. Tolga brachte Ideen ein, Max arbeitete am Schnitt, wir saßen gemeinsam am Rechner und überarbeiteten jede Szene. So entstand aus der Mischung aus Storyboardplanung und spontaner Kreativität – am Ende ein Film, der aufregender war, als ursprünglich geplant.
Tolga Ulas: Ich selbst habe in mehreren Rollen gearbeitet – Regie, Schauspiel, Kameraperspektive – und gelernt, wie wertvoll es ist, allen Beteiligten Freiraum zu lassen. Manche Schauspieler:innen müssen perfekt vorbereitet sein, andere improvisieren spontan und liefern die größten Überraschungen.
Filin Guas: Und das Ganze mit einem extrem kleinen Budget – etwa 300–400 Euro. Wir haben mit Zitaten aus Goethe und „Pulp Fiction“ experimentiert, welche Sprache passt, und die verschiedenen Ebenen zusammengebracht. Innerhalb weniger Tage entstand ein 15-minütiger Film.
Adrian Moskowicz: Für mich als Schauspieler war das eine großartige Erfahrung: fokussiert, improvisiert, Grenzen überschreitend arbeiten – ohne großes Budget oder lange Vorbereitung.
Tolga Ulas: Der Film zeigt Leidenschaft, Hingabe und kreativen Austausch: Wenn die richtigen Leute mitziehen, kann man auch mit minimalen Mitteln Großes schaffen. Es ist eine Geschichte über künstlerische Freiheit, Mut und Kreativität – nicht nur über das Haus.

Welche Bedeutung hat das Projekt für dich persönlich?
Adrian Moskowicz: Als freiberuflicher Schauspieler muss man sich ja manchmal erst wieder „einspielen“, ist ein bisschen eingerostet. Mit diesem Projekt konnte ich egoistischer arbeiten: Ich habe mich wirklich als Teil des Projekts gesehen, es gehörte mir – und das hat mir viel Ruhe und Konzentration gegeben. Es geht nicht nur um Anerkennung oder berufliche Vorteile. Ich wollte selbstbewusst neue Dinge ausprobieren, meine Grenzen austesten und kreative Freiheit erleben. Gleichzeitig ist es auch eine persönliche Erfahrung. Meine Kinder sollen die Sprachen spielerisch erleben. Englisch sprechen wir zuhause, Spanisch kommt durch meine Eltern hinzu. Ich lege Wert darauf, dass sie die Sprache kennenlernen, ohne Druck – sie sollen sehen, wie Papa die Sprachen lebt.
Gibt es Projekte die du gerne einmal realisieren möchtest?
Adrian Moskowicz: Ich habe viele Ideen, was ich noch spielen möchte: spannende Rollen in Sci-Fi-Serien, außergewöhnliche Projekte, Klassiker wie Tarantino oder auch Theaterstücke. Kreativität, Herausforderung und die Möglichkeit, verschiedene Erfahrungen einzubringen, stehen für mich im Vordergrund.
Vor zwei Jahren habe ich an einem Filmprojekt mit Broke Today gearbeitet, das mir sehr viel Spaß gemacht hat. Seitdem bin ich weiterhin in München aktiv – u. a. bei Haunted Boys. Dieses Jahr drehe ich mit meinem Sohn, der nun ein Jahr früher als ich angefangen hat, und arbeite parallel an weiteren deutschen TV-Projekten.
Wie geht es weiter bei Broke Today.
Filin Guas: Unser Credo: Film, Theater, Musik, Lichtkunst und Performance sollen verschmelzen. So entstehen Formate, die in München ungewöhnlich sind. Ziel ist ein Austausch zwischen Künstler:innen und Publikum, das aktiv einbezogen wird.
Obwohl einzelne Namen im Vordergrund stehen, ist jedes Projekt ein Gemeinschaftswerk. Wir legen Wert darauf, dass alle gesehen und gehört werden.

Adrian: Wir schaffen Momente, in denen Zuschauerinnen und Zuschauer und Künstler und Künstlerinnen interagieren – Diskussionen, Präsentationen, kleine Performances. Das Ziel ist aktive Teilnahme, Sichtbarkeit von Kreativität und Inspiration für alle Beteiligten.

