Maßgeschneidertes Empowerment

Wie Präzision, Empathie und individuelles Design die Garderobe moderner Frauen neu definiert – ein Blick hinter die Kulissen der Damenmaßschneiderei.

In einer Welt, in der Fast Fashion und Massenproduktion dominieren, setzt Clara Strehle auf Präzision, Empathie und Individualität. Maßgeschneiderte Womenswear ist für sie mehr als Kleidung: Sie übersetzt Persönlichkeit, Alltag und Lebensrealität in ein Kleidungsstück, das Frauen mentale Freiheit und Selbstbewusstsein schenkt.

Am 13. März 2026 öffnete das SALT HOME seine Türen für den SALT Art Salon No.2 unter dem Motto: „Crafted Identities – 3 Voices in Art & Design“. Ein besonderes Highlight des Abends wird der Panel Talk um 19:00 Uhr sein, moderiert von Lara Gonschorowski, Chefredakteurin von Sheconomy. Gemeinsam mit Clara Strehle und Manuela Karin Knaut wird über kreative Identität und persönliche Wege in Kunst, Fashion und Design gesprochen – von der präzisen Handwerkskunst bis zu individuellen Ausdrucksformen.

In unserem exklusiven Interview für The Hollywood Reporter Germany gibt Clara Strehle Einblicke in die Kunst der Damenmaßschneiderei, von der ersten Anprobe bis zum perfekten Schnitt. Sie erklärt, wie Maßanzüge nicht nur Körper und Persönlichkeit übersetzen, sondern Frauen empowern, ihre Präsenz entfalten und mentale Freiheit im Alltag ermöglichen. Dabei verbindet sie generationsübergreifendes Schneiderhandwerk mit modernen Technologien und zeigt, wie Womenswear heute Innovation, Nachhaltigkeit und Selbstbewusstsein vereinen kann.

Salt Art Event | Foto: Goran Nitschke

Maßschneiderei ist eine der ursprünglichsten Formen von Mode. Was fasziniert dich persönlich am meisten an diesem Handwerk, besonders wenn es um Womenswear geht?
Clara Strehle:
Mich fasziniert an der Maßschneiderei, dass sie immer mit dem Menschen beginnt und nicht mit einem vorgefertigten Produkt. Gerade in der Womenswear ist das entscheidend, weil Frauenkörper und Lebensrealitäten viel komplexer sind, als es standardisierte Konfektion je wiedergeben kann. Ein guter Maßanzug ist für mich deshalb eine Form von Präzision, Empathie und Übersetzung zugleich. Er übersetzt den Körper, den Alltag und die Persönlichkeit einer Frau in ein Kleidungsstück, das so gut funktioniert, dass sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren kann.

Deine Entwürfe zeigen Frauen in sehr unterschiedlichen Rollen und Lebensrealitäten. Was macht für dich einen wirklich guten Anzug für eine Frau aus?
CS: Ein wirklich guter Anzug ist im Grunde das, was wir sehen, wenn Frauen wie Cate Blanchett in einem perfekt geschnittenen Anzug über den Red Carpet gehen. Wir sehen diese Ausstrahlung und Selbstbewusstsein und denken: Genau so möchte ich mich auch fühlen. In der Realität sieht es allerdings anders aus. Jede Frau kennt die Suche nach diesem Anzug, und meistens endet sie mit dem gleichen Problem: Der Blazer passt, die Hose nicht. Oder umgekehrt. Genau daran erkennt man, was einen wirklich guten Anzug ausmacht: Passform. Ein guter Anzug schmiegt sich wie eine zweite Haut an die Trägerin und verbindet dabei Präzision, Bewegungsfreiheit und ein tiefes Verständnis für deren Individualität: ihren Alltag, ihre Arbeit, worin sie sich wohlfühlt, wo sie Klarheit ausstrahlen möchte und wo sie vielleicht auch Schutz sucht.

Viele Frauen beschreiben den Moment, in dem sie einen perfekt geschnittenen Anzug tragen, als etwas sehr Empowerndes. Welche Veränderung beobachtest du bei deinen Kundinnen, wenn sie ihr fertiges Stück zum ersten Mal anprobieren?CS: Hier muss ich kurz ausholen: Ein Schlüsselmoment für mich war ein Gespräch mit der Co-Founderin einer Netflix- Produktionsfirma. Als ich ihr von meiner Idee vor Jahren erzählt habe, Frauenmaßanzüge zu machen, hatte sie tatsächlich Tränen in den Augen. Sie sagte: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel mentaler Raum mir Kleidung im Alltag nimmt. Mein männlicher Co-Founder geht in ein Meeting und kann sich vorab komplett auf Agenda und Outcome konzentrieren. Ich dagegen überlege vorher: Ist der Rock zu eng? Ist der Ausschnitt zu tief? Usw.“ . Dieser Insight hat mich sehr geprägt, weil er zeigt, wie viel Fokus Frauen im Alltag durch “Kleinigkeiten” geraubt wird.

Mein Lieblingsmoment im ganzen Prozess ist deshalb die erste Anprobe des fertigen Stücks. Es ist ein stiller, und doch sehr lauter Empowerment-Moment: die Schultern gehen zurück, die Mimik entspannt sich und die ganze Körpersprache sagt nur eins: So gut, selbstbewusst und klar kann ich mich also fühlen?!!! … Denn wenn ein Anzug wirklich passt, verschwindet diese innere Unruhe und statt ständig etwas zu korrigieren, entsteht Präsenz  und vor allem Freiheit.

Clara Strehle mit ihrer Mutter Gabriele Strehle | Foto: Goran Nitschke

Du bist bereits die dritte Generation in einer Familie mit großer Schneidertradition. Wie prägt dieses Heritage deine Arbeit heute?
CS:
Ich bin zwischen Stoffrollen, Schneiderpuppen und Gesprächen über Passform aufgewachsen. Das hat mir vor allem Respekt vor Handwerk und Schnittkunst beigebracht aber vor allem vor der Frau, die ein Kleidungsstück am Ende trägt.

In einer solchen Familie lernt man aber auch, dass jede Generation dem Zeitgeist gemäß weiterdenken muss, um relevant zu bleiben. Wenn die erste Generation nach dem Krieg für Aufbau stand und Menschen mit Kleidung buchstäblich wärmen wollte und die zweite für internationales Luxus-Prêt-à-porter, dann bedeutet es in dritter Generation, also für mich, vor allem zwei Dinge: Nachhaltigkeit als oberste Priorität und eine Rückkehr zum Individuum. Konkret heißt das: nur produzieren, was wirklich bestellt wird, und sich auf das konzentrieren, was man wirklich gut kann, statt große Kollektionen auf den Markt zu bringen. Maßschneiderei verbindet für mich genau diese beiden Gedanken: individuelle Kleidung und einen verantwortungsvolleren Umgang mit Ressourcen.

Maßschneiderei gilt oft als etwas sehr Klassisches. Wo siehst du den Raum für Innovation innerhalb dieses traditionsreichen Handwerks?
CS:
In der Womenswear gibt es gerade beim Anzug enorme Innovationsmöglichkeiten. Frauenkörper unterscheiden sich von Natur aus viel stärker voneinander und verändern sich auch häufiger als die der Männer; da stößt Standardkonfektion schnell an ihre Grenzen. Genau hier entsteht Raum für Innovation. Digitale Vermessung oder AI- basierte Tools können heute helfen, Körpermaße präziser zu erfassen und den Zugang zum Maßanzug deutlich zu erleichtern. Das Ziel bleibt aber das gleiche: Frauen die gleiche Präzision in ihren Anzügen zu ermöglichen, die im klassischen Herrentailoring seit Jahrhunderten selbstverständlich ist.

In einer Zeit von Fast Fashion und schnellen Trends entscheidest du dich bewusst für Individualität und handwerkliche Präzision. Was bedeutet Slow Fashion für dich persönlich?
CS: Slow Fashion setzt sich für mich aus mehreren Aspekten zusammen. Zum einen bedeutet es, bewusst und nachhaltig zu produzieren, also zum Beispiel, nichts auf Vorrat zu fertigen, sondern nur das, was tatsächlich bestellt wird. Zum anderen geht es um Langlebigkeit, die ich vor allem in einer emotionalen Verbindung zwischen Produkt und Trägerin sehe. Bei meinen Maßanzügen zum Beipsiel entsteht ein Kleidungsstück in einer Reise der Co-Creation mit der Kundin: vom Stoff über die Knöpfe bis zur finalen Silhouette wird alles gemeinsam entwickelt. Dieser Prozess schafft persönliche Bindung und macht ein Kleidungsstück zu etwas sehr Besonderem, das seine Trägerin oft über viele Jahrzehnte begleitet. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist für mich Kontinuität: Ich archiviere die individuellen Schnitte meiner Kundinnen. So können sie jederzeit darauf zurückgreifen um weitere Maßanfertigungen ganz nach ihren Wünschen, Maßen, und Lokal schneidern zu lassen.

Salt Event | Foto: Goran Nitschke

Deine Mutter, Gabriele Strehle, ist eine der prägendsten Designerinnen Deutschlands. Wie hat dich das Aufwachsen in diesem kreativen Umfeld beeinflusst?
CS:
Drei Dinge wurden mir diesbezüglich buchstäblich “reingehämmert”:

Erstens, wie entscheidend Schnittkunst ist. Ein gutes Kleidungsstück darf eine Frau nicht verkleiden, es muss sich wie eine zweite Haut anfühlen und sich selbstverständlich in ihr Leben einfügen.

Zweitens, einen “roten Faden” zu haben und ihm treu zu bleiben. Meine Mutter hat mir früh gezeigt, wie wichtig es ist, eine klare Linie/Haltung zu entwickeln und konsequent dazu zu stehen, statt ständig Trends hinterherzulaufen. Das bedeutet oftmals auch “nein” zu sagen.

Und drittens, dass Stil nicht Perfektion bedeutet. Die spannendsten Looks entstehen oft durch Brüche; etwa wenn ein klassischer Anzug mit etwas Unerwartetem (eg. Supergas) kombiniert wird. Genau diese Spannung macht Mode lebendig, persönlich & entwickelt weiter.

Wenn du dir die Zukunft der Damenmaßschneiderei vorstellst: Welche Rolle sollen Anzüge in der Garderobe moderner Frauen spielen?
CS:
Eine Große! Gerade weil heute immer mehr Frauen in Führungspsotionen arbeiten und viele davon meist auf mehreren Ebenen Verantwortung jonglieren. Da kann ein guter Anzug unglaublich stärken und mentale Freiheit schaffen – weil er vom Kita-Meeting über das Board-Meeting bis zum Girls-Dinner funktioniert. Wie man auch am Beispiel der Netflix-Produzentin gesehen hat, nimmt ein perfekt sitzender Anzug eine Sorge aus dem Kopf: Man muss sich darüber einfach keine Gedanken mehr machen. Dafür bedeutet es aber dann auch, dass der perfekte Anzug für Frauen in Zukunft leichter zugänglich werden muss.

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