Keine Matriarchin ist perfekt. Kate Winslet im Exklusivinterview

Karsten Kastelan sprach exklusiv für The Hollywood Reporter Germany mit Kate Winslet über ihre neue Rolle hinter (und vor) der Kamera.    

Mit „Goodbye June“ liefert Kate Winslet seit heute 24.12. auf Netflix ihr Regiedebüt ab – einen teils rührenden, teils witzigen Weihnachtsfilm zu einem auf den ersten Blick wenig weihnachtlichen Thema. Titelheldin June (Helen Mirren) liegt im Sterben und es ist klar, dass sie das Krankenhaus niemals wieder verlassen wird. Aber sie hat sich vorgenommen, ihre in Teilen zerstrittenen Familie kurz vor ihrem Ableben wieder zu vereinen. Karsten Kastelan sprach exklusiv für The Hollywood Reporter Germany mit Kate Winslet über ihre neue Rolle hinter (und vor) der Kamera.

Beginnen wir mit der Besetzung. Andere Erstlingsregisseure müssen sich oft primäre auf Caster und Agenten verlassen, aber du kanntest einen großen Teil deines Ensembles wahrscheinlich schon länger…

Nein, eben nicht. Ich kannte Johnny Flynn nicht. Tony Colette hatte ich noch nie getroffen. Mit Timothy Spall hatte ich einmal gearbeitet, als ich 20 war, aber das war Kenneth Branaghs „Hamlet“ und wir hatten kaum Szenen zusammen. Andrea Riseborough kannte ich, weil wir zusammen „Lee“ und dann [die Serie] „The Regime“ gedreht hatten. Und mit Helen Mirren hatte ich in einem Film namens „Collateral Beauty“ gearbeitet. Aber auch da hatten wir auch nur eine einzige gemeinsame Szene. Es ist schon seltsam mit englischen Schauspielern. Man geht oft davon aus, dass wir uns alle kennen, aber tatsächlich kannten wir uns überhaupt nicht.

Joe Anders und Kate Winslet bei der „Goodbye June“ Premiere

Stimmt es, dass dein Sohn das Drehbuch als eine Art Hausaufgabe geschrieben hat? 

Das stimmt. Als mein Sohn dieses Drehbuch schrieb und es mir zum ersten Mal gab, glaubte er wirklich nicht, dass daraus jemals etwas werden würde. Er war eine Hausaufgabe, die er im Rahmen seines Studiums an der National Film and Television School hier in London abliefern sollte, nachdem er einen Platz im Drehbuchkurs bekommen hatte.

Also zeigte er es mir. Ich war die Erste, der er es zeigte, und er war sehr nervös. Er sagte: „Weißt du, es taugt wahrscheinlich nichts. Aber würdest du es vielleicht trotzdem lesen?“ Normalerweise hätte ich in so einer Situation einfach so getan, als wenn ich es mag, weil er so nervös war. Dann las ich es und sagte zu ihm: „Okay, das ist ein Film.“ Und er meinte: „Was, nein, Mama, nein. Mama, du musst mir das nicht schönreden. Sag es mir einfach.“ Ich entgegnete: „Nein, nein, diese Figuren sind außergewöhnlich. Die Dialoge sind hervorragend. Schreib es fertig.“ Er hatte noch 20 Seiten vor sich. Und als er fertig war, habe ich gesagt, „Wir machen diesen Film auf jeden Fall. Und ich werde ihn produzieren und eine der Schwestern spielen.“

Kate Winslet gibt ihr Regiedebüt

Die Entscheidung, die Regie zu übernehmen, kam also später?

Ursprünglich wollte ich gar nicht Regie führen. Um ihn zu ermutigen, das Projekt weiterzuentwickeln, sagte ich dann immer wieder: „Okay, lass uns mal überlegen, welche Schauspieler diese Rollen spielen sollten.“

Also setzten wir uns zusammen und ich schlug Helen Mirren als June und Tim Spall als Bernie vor. Und er meinte: „Was redest du da? Helen Mirren und Tim Spall werden niemals zusagen. Spinnst du?“

Ich sagte: „Nein, komm schon, okay, machen wir eine Liste.“ Als der Film dann fertig war und Netflix etwas Interesse zeigte, sprachen wir die Schauspieler an. Und als alle zusagten, dachte ich plötzlich: „Oh mein Gott, wir haben wirklich einen Film!“ Und dann wurde mir klar, dass wir ihn nicht mehr aus der Hand geben durften und ich ihn nicht mehr an irgendwelche Regisseure schicken wollte.

Kate Winslet als Regisseurin am Set von „Goodbye June“

Du hast ja mit einer ganzen Reihe von großartigen Regisseuren zusammengearbeitet. Gibt es da jemanden, an den du besonders gedacht hast, als es um die Regieführung ging?

Ich muss sagen, dass die Regisseure, die mich als Schauspielerin am meisten beeinflusst haben, diejenigen waren, die sehr eng mit mir zusammengearbeitet haben. Da fallen mir zum Beispiel Todd Field, Stephen Daldry, Stephen Frears und Jim Cameron. Weiterhin Jocelyn Moorhouse und Jessica Hobbs, mit denen ich bei Fernsehprojekten kollaboriert habe. Regisseure, die einen fragen: „Was denkst du?“

Das ist das Wichtigste für einen Schauspieler. Denn dann fühlt man sich wirklich unterstützt. Man kann sich öffnen, und ich hatte Schauspieler in diesem Film, die sich verletzlich zeigen mussten. Und sie mussten Seiten an sich zeigen, die sie normalerweise verbergen, besonders wenn sie selbst Verluste erlebt haben. Und gerade die Erfahrung, einen Elternteil zu verlieren – solche Geschichten sind sehr, sehr schwer zu erzählen, und als Schauspieler sind sie noch schwerer darzustellen, weil man etwas wiedererlebt, das man bereits durchgemacht hat.

Der Cast von „Goodbye June“

Deshalb war es mir enorm wichtig, ihnen einen Freiraum zu geben, in dem sie sich wirklich unterstützt und sicher fühlten, gehört wurden und frei waren, Vorschläge oder Ideen einzubringen, die eine Szene positiv beeinflussen konnten. Denn ein Drehbuch ist nur so gut, wie es auf dem Papier ist. Erst wenn es von den Schauspielern gesprochen und umgesetzt wird, weiß man, was daraus werden kann.

Wie involviert ist Netflix bei einem seiner Projekte? Bekommt man ständig Notizen, was man anders machen soll, oder lassen sie einem eher freie Hand?

Es war eine Mischung aus beidem. Ich meine, Netflix war wirklich großartig. Sie haben einen sehr jungen, Erstlings-Drehbuchautoren unterstützt – und eine Frau, die zum ersten Mal Regie führt. Es gibt viele Vorurteile gegenüber Regisseurinnen, und natürlich auch gegenüber Schauspielerinnen, die Regie führen wollen. Oft wird angenommen, dass wir das nicht wirklich können und dass wir nur ein bisschen eitel sind und die ganze Zeit in unseren Wohnwagen hocken. Das trifft auf mich natürlich nicht zu. Sie haben uns also sehr vertraut und uns sehr unterstützt.

Und ja, es gab Feedback und Anmerkungen zum Drehbuch, aber das ist ja bei jeder Zusammenarbeit so. Man muss offen dafür sein, was andere zu sagen haben. Joe und ich mussten wirklich an einem Strang ziehen, wenn es darum ging, ob wir einer Idee zustimmen oder sie einarbeiten sollten.

Szenenbild „Goodbye June“

Dann noch eine letzte Frage. Dein Film hat eine feine Balance zwischen Humor, Traurigkeit und Lebensfreude. Hast du als Regisseurin jemals an dir selbst gezweifelt und gedacht: vielleicht sollte diese oder jene Szenen einen heitereren Ton haben oder einen ernsteren?

Nein, ich habe nicht gezweifelt. Ich habe mir keine festen Vorgaben gemacht. Aber ich habe definitiv dafür gesorgt, viele Optionen zu haben. Wissen Sie, erst im Schnitt kann man den Rhythmus des Films wirklich herausarbeiten.

Und ich selbst als Schauspielerin mag keine falschen Gefühle. Wirklich nicht. Ich habe damit große Schwierigkeiten, deshalb achte ich auch bei der Musik darauf, dass sie nicht zu sehr aufgesetzt wirkt. Selbst ein Musikstück, das fünf Sekunden vorher einblendet, kann die Wirkung einer Szene stark beeinflussen. Ich wollte das Publikum nie überrumpeln oder mit emotionaler Musik manipulieren. Das war mir enorm wichtig, deshalb musste ich sicherstellen, dass wir mit den Schauspielern nichts unversucht gelassen hatten.

Bei Tony Collette bedeutete das oft, sie manchmal richtig aufdrehen zu lassen und sie dann wieder zurückzunehmen. Dasselbe gilt für Tim und auch für Helen Mirren. Junes Offenheit war mir sehr, sehr wichtig, denn ich wollte keinen Film über eine perfekte Matriarchin drehen, denn keine Matriarchin ist perfekt.

 

Fotocredit: Netflix

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